Wen wir nicht hassen können

Die Angst vor dem fremdbestimmten Ich.


Wenn unsere Ängste nicht aus praktischen Lernerfahrungen unseres Lebens resultieren, dann werden sie uns vermittelt. Uns wird über Bedrohungen berichtet und unser Angstzentrum wird geschult, etwas zu fürchten, mit dem wir nie direkt konfrontiert wurden. Das gelingt, wenn man zuvor unser Unterbewusstsein kaperte.


Vielleicht hätte man diesen Artikel auch mit: WANN wir nicht hassen können, überschreiben können. Nun, Beides, das Wer und das Wann, wird im folgenden Text eine Rolle spielen.

Wenn es um Hass geht, dann geht es immer auch um Feindbilder.

Feindbilder werden aus erkannter Gefahr geboren und sind Symptome von Angst. Das Feindbild stuft den Grad der Gefahr für die eigene Existenz, die geistige wie die seelische ein.

Über diese in ein Bild gegossene Einschätzung des Gegners entwickelt das Unterbewusstsein Handlungsstrategien, welche berücksichtigen, wie hoch der zu betreibende energetische Aufwand und die Erfolgschancen zur Lösung der nun anstehenden (subjektiv) existenziell wichtigen Aufgaben sind. Es gilt abzuwägen, ob Nichtstun (Paralyse, sich totstellen), Flucht, Angriff oder eine Mischung aus diesen zu Anwendung kommt.

Das läuft alles ohne unser bewusstes Zutun ab. Automatismen greifen, die uns in Sekundenbruchteilen reagieren lassen. Wir handeln affektiv und damit im Sinne der für die Existenz erhaltenden Maßnahme äußerst effektiv.

Hass nun ist eine extreme Reaktion der – wohlgemerkt – unterbewussten Feindbildauswertung. Sie hat die Varianten des sich Totstellens (sich durch Bewegungslosigkeit unsichtbar machen) und der Flucht (Distanzerhöhung zur Gefahr) verworfen und fokussiert auf die Vernichtung des Feindbildobjekts. Hass bringt biochemische Prozesse in unserem Körper in Gang, die uns zu außergewöhnlichen Leistungen befähigen. Denn der Angriff als extreme Form des Selbsterhalts ist die ultima ratio, das letzte Mittel. Mit dem Angriff tritt man einer Gefahr im wahrsten Sinne des Wortes entgegen.

Das ist mit Kampf verbunden, einem erbarmungslosen, auf die Auslöschung des Gegners gerichteten Kampf.

Was aber, wenn sich der Gegner in unserem Selbst manifestiert? Nicht dem Selbst als Solches, sondern in etwas, was sich in unserem Selbst breit gemacht hat. Etwas, was dort Platz genommen hat, ohne uns zu fragen. Etwas, was sich gewaltsam Eintritt verschaffte, weil wir unachtsam waren.

Zuvor hatte es schon einen Kampf um diesen Platz in uns selbst gegeben, den wir verloren hatten.

Was ist es nun, das wir in uns tragen und so hassen müssen? Wo kommt er her, der Feind in uns. Es ist etwas Fremdes, das keine Symbiose mit dem sucht, was immer in uns war. Es sucht Dominanz, Herrschaft in unserer Seele. Es beansprucht Ausschließlichkeit.

Geben wir diesem Etwas einen Namen: Ideologie.

Erst kapert die Ideologie den Menschen und führt ihre Handlungsmaxime ein. Danach ist der Unterworfene bereit, die bewusst angebotenen Angsttrigger in gewünschter Weise aufzunehmen – und schließlich ist es ihm möglich, die beigebrachten „Lösungen für das Problem“, ebenfalls wie gewünscht, umzusetzen. Diese „Lösungen“ richten sich im Allgemeinen gegen andere Menschen.

Das ist das Gefährliche an Ideologien. Zuerst nehmen sie dem Menschen seine Autonomie. Danach können sie ihn über Emotionen fremdsteuern.

Sich selbst zu hassen, bedeutet das Feindbild in sich selbst zu erkennen und sich schuldig zu fühlen. Dieses Fremde in uns belädt uns dauerhaft mit Schuld, solange wir uns nicht von ihm befreien. Es ist etwas, dem wir uns unterwarfen und das nun systematisch den Kontakt mit unserer wirklichen eigenen Identität stört, ja dessen Platz eingenommen hat. In Ideologien leben, bedeutet, geistig fremdbestimmt zu leben. Es bedeutet auch, nach den Ideologien zu leben, einer fremden Stimme zu gehorchen, aus jener die verbindlichen Handlungsanleitungen zu entnehmen, statt aus der eigenem Wahrhaftigkeit. In Ideologien hat das Herz keine Stimme mehr. Es wird von kaltem Pragmatismus verdrängt.

In der Selbstverachtung, die dem Hass beiwohnt, ist der Zynismus zu Hause. Rudolf Virchow sagte dazu:

„Die Bestie im Menschen, der Zynismus, wird überall da ihr Haupt erheben, wo die natürlichen und berechtigten Forderungen mit Gewalt unterdrückt werden.“ (1)

Das Unterdrückte ist die uns von der Natur gegebene Verbindung zwischen Herz und Seele, die doch nur in Freiheit leben kann. Zynismus projiziert das eigene Unglück, unterworfen zu sein, auf andere Menschen und verurteilt sie, statt sich selbst dafür. Es ist auch das Gefühl des Versagens, gepaart mit der Mutlosigkeit, die notwendig wäre, um aus den Abhängigkeiten auszusteigen, die man sehr wohl wahrnimmt. Mit Schmerzen und Widerwillen erlebte Abhängigkeiten, die man trotzdem akzeptierte und die nun dazu führen, eine Kompensation durch Zynismus zu versuchen.

Alles Fremde stellt unser Unterbewusstes vor eine Aufgabe, die Teil eines Lernprozesses ist. In diesem schult sich das Abwägen zwischen Risiko und Chance, was sich in Angst und Neugier ausdrückt.

Denn das Fremde ist auch das, was wir nicht kennen, über das wir aber wissen möchten. Die geistigen Fähigkeiten des Menschen konnten sich deshalb so entwickeln, weil er auch immer wieder das Fremde gesucht hat, weil die Neugier siegte und er so Gräben überwinden konnte. Angst und Neugier sind so gewinnbringend für den Menschen in Waage.

Der Erfolg der menschlichen Spezies ist sicher vielen Zufällen geschuldet, doch seine Neigung sozial zu leben, Gemeinschaft zu suchen und eben nicht paranoid zu sein – also nicht vorrangig von Ängsten bestimmt zu werden – hat mit großer Sicherheit seinen Teil dazu beigetragen.

Wenn aber unsere unterbewussten Lernzentren gekapert werden, gibt es keinen wirklichen Lernprozess, der es uns ermöglicht, Gefährliches von Nichtgefährlichem zu unterscheiden. Es gibt keine tatsächliche Kopplung von Umweltreizen, außer der über Manipulatoren. Das sind Demagogen, die es uns „ersparen“, die wertvollen Erfahrungen zu machen und uns dafür passende Botschaften, passend für die Zwecke der Manipulatoren, vermitteln.

Die gesellschaftliche Stimmung hierzulande spiegelt das wieder und liefert reichlich Beispiele.

So haben die meisten Menschen keine Ahnung von Russland, dem politischen und wirtschaftlichen System dort, der Kultur, den Menschen. Aber sie haben Angst vor Russland. Sie haben Angst vor Russland, weil sie den Angstmachern glauben, die zuvor ihr Selbst in Besitz nahmen.

Es ist immer wieder eindrucksvoll, die Berichte von Menschen zu lesen, die Russland besuchten und danach geradezu innerlich befreit von ihren Erlebnissen dort berichteten. Das gilt für andere Regionen dieser Welt genauso. Es befreite die Menschen von der Fremdbestimmung, die sich aus dem unaufhörlichen propagandistischen Trommelfeuer einer angeblichen Gefahr ergeben hatte.

Liebe zu Anderen ist Liebe zu uns selbst. Aus ihr erwächst erst unsere soziale Kompetenz. Wir haben ein natürliches Gespür dafür, wenn uns stattdessen Hass mit Macht eingepflanzt werden will. Sich dem an uns vorgenommenen geistigen Gewaltakt zu entziehen, ist wichtig, um in Herz und Seele gesund bleiben und damit für uns selbst und andere gut sein zu können.

Bleiben Sie bitte in dem Sinne schön aufmerksam.


Anmerkung

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden.

Quellen

(1) 26.9.2018; https://sarkasmus-ironie-zynismus.de/zitate-zynismus/

(Titelbild) Autor: Gerd Altmann; Titel: Herz; Quelle: https://pixabay.com/de/herz-silhouette-liebe-gl%C3%BCck-1982316/; Lizenz: CC0 Public Domain