Verweigern wir uns dem Krieg

Manöver wie das US-geführte Defender 2020 dürfen nicht mehr so einfach hingenommen werden.


All zu leicht lassen wir uns in Kriege führen. Weil die schiefe Ebene auf dem Weg dorthin nur sanft abfällt und der Weg selbst so schön bequem ist. Bis wir zu einem Punkt gekommen sind, bei dem allein schon das Neinsagen zum Krieg für unser Leben bedrohlich sein kann. Wir sollten es nicht wieder so weit kommen lassen.


Die erwähnte schiefe Ebene nimmt uns die Fähigkeit, Energien zu entwickeln, welche sich dem Bequemlichkeits- und Gehorsamsdenken entziehen. Wir betrügen uns in einer vermeintlichen Sicherheit, ohne dabei die Prämissen für den Frieden im Denken wie Kommunizieren und Handeln aktiv zu leben. So lernen wir auch nicht, Konflikte friedlich und im Miteinander anzugehen und zu lösen.

Das hat auch damit zu tun, weil wir als Gesellschaft nicht achtsam sind. Weil wir glauben, verschont zu werden von Kriegen. Dabei führen wir sie schon – die Kriege. Wir führen sie mit Soldaten, in der Wirtschaft, im Verkehrswesen, dem Finanzwesen, der Politik und über die Medien. Unsere Kultur als Ganzes atmet noch immer den Krieg – im Kleinen wie im Großen. Die Auswirkungen spüren schmerzhaft andere Gesellschaften jenseits unserer Grenzen.

Das wird nicht so bleiben, wenn die schiefe Ebene nicht verlassen wird. Es wird sich sogar beschleunigen, wenn wir den Hetzern, Verleumdern, den Rufern zum Krieg auch weiter auf den Leim gehen. Die gegenwärtig in Teilen Mittel- und Osteuropas stattfindenden, groß angelegten Manöverübungen erhöhen das Risiko eines Krieges in unserer Region. Gleichzeitig sind sie aber eine Chance, aus der gesellschaftlichen Lähmung zu erwachen, das Säbelrasseln nicht mehr so einfach hinzunehmen und die Suche nach Alternativen anzugehen.

Der folgende Aufruf ist so alt wie er aktuell ist. Er nahm sich die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu Herzen und brach mit der Regel, dass es in Ausnahmefällen eben doch gerechtfertigt wäre, Kriege vom Zaume zu brechen. Dieser vorgetragene Pazifismus ist – so meine ich – nicht mit dem grundsätzlichen Hinnehmen von Gewalt zu vergleichen. Er ist vielmehr ein leidenschaftlicher Aufruf an alle Menschen, Mut zum Frieden zu entwickeln.

Der damalige Pazifismus wurde von den Menschen seiner Zeit kaum wahrgenommen. Verstrickt in Schuld, Macht und Gehorsam, getrieben von Revanche, unwissend über die Machtspiele ihrer Eliten und gefangen in der Angst, das kleine private Glück zu verlieren und gleichzeitig zum Opfer zu werden, stolperten sie dann und gerade deshalb doch in die Katastrophe. Sie taten nicht und deshalb wurde mit ihnen getan. In solchen Zeiten kann der Frieden nur dahinkümmern und nicht zu dauernder Stärke reifen.

Im folgenden also ein Manifest aus dem Jahre 1921:


Krieg ist ein Verbrechen gegen die Menschheit! Wir sind daher entschlossen, keine Art von Krieg zu unterstützen und für die Beseitigung aller seiner Ursachen zu wirken!

(…)

Krieg ist ein Verbrechen gegen die Menschheit! Denn er ist ein Verbrechen gegen das Leben und missbraucht den Menschen als Mittel für politische und wirtschaftliche Zwecke.

Wir sind daher entschlossen, getrieben von starker Liebe zur Menschheit, keine Art von Krieg, weder Angriffskrieg noch Verteidigungskrieg zu unterstützen. Dies ist wichtig, weil fast jeder Krieg von den Regierungen als Verteidigungskrieg hingestellt und im Bewusstsein der Völker als Verteidigungskrieg geführt wird.

Wir unterscheiden drei Arten von Krieg:

  1. Krieg zur Verteidigung des Staates, zu dem wir durch Geburt oder Wahl gehören. Den Waffendienst für diesen Zweck zu verweigern, ist schwierig, weil der Staat alle seine Machtmittel gebrauchen wird, uns zu zwingen. Ferner, weil man die angeborene Liebe zu unserer Heimat so lange zu der nationalistischen Täuschung missbraucht hat, als sei Staat und Heimat dasselbe.
  2. Krieg zur Verteidigung der bestehenden Gesellschaftsordnung mit ihren Sicherungen und Vorrechten für den Besitzenden. Dass wir keine Waffen für diese Zwecke ergreifen werden, versteht sich von selbst.
  3. Krieg zur Befreiung des bedrückten Proletariats. Die Weigerung, für diesen Zweck die Waffen zu ergreifen, ist sehr schwer.
  1. Weil der bolschewistische Staat und noch mehr das empörte Proletariat in Zeiten der Revolution in jedem einen Verräter sehen wird, der sich weigert, es mit Waffengewalt zu unterstützen.
  2. Weil unsere angeborene Liebe für die Leidenden uns in Versuchung führen könnte, Gewalt zu gebrauchen, um ihnen zu helfen oder sie zu unterstützen.

Wir sind indessen überzeugt, dass Gewalt niemals die Ordnung aufrecht erhalten, nicht wirklich unsere Heimat schützen, das Proletariat nicht wahrhaft befreien kann. Die Erfahrung hat gezeigt, dass durch jeden Krieg eine erschreckende Verwilderung und Verrohung, die Vernichtung aller Freiheit eintritt und dass das Proletariat nur scheinbar dadurch gewinnt, in Wahrheit aber seine Leiden vermehrt. Es ist daher unmöglich, irgend einen Krieg zu unterstützen,

  • weder durch direkten Dienst im Heere, in der Flotte, in der Luft,
  • noch durch bewusste Herstellung von Munition und Kriegsmaterial,
  • noch durch Leistung irgend eines von der Regierung geforderten Dienstes als Ersatz für Waffendienst,
  • noch durch Zeichnung von Kriegsanleihen,
  • noch durch Hergabe unserer Arbeit, um andere für den Kriegsdienst freizumachen.

Wir sind uns klar, dass wir als konsequente Pazifisten nicht das Recht haben, eine bloß negative Stellung einzunehmen, sondern bemüht sein müssen, die tieferen Ursachen des Krieges zu erkennen, und für die Beseitigung aller seiner Ursachen zu kämpfen.

Als Ursachen des Krieges sehen wir nicht nur Selbstsucht und Habsucht an, die sich in jedem Menschenherzen finden, sondern auch alle Faktoren, welche die Menschen als Massen zu gegenseitigem Hass und Massenmord führen.

Wir sehen in folgenden Antrieben die für unsere Zeit wichtigsten:

  • Die Unterschiede der Rassen, die zu Neid und Hass künstlich gesteigert werden.
  • Die Unterschiede der Glaubensbekenntnisse, die durch Unduldsamkeit zu gegenseitiger Missachtung künstlich aufgestachelt werden.
  • Die Gegensätze der Klassen, der Besitzenden und Nichtbesitzenden, die fast unvermeidlich hintreiben zu Völker-und Bürgerkrieg, solange das gegenwärtige Produktionssystem besteht, das auf Profitwirtschaft anstatt auf Bedarfswirtschaft beruht.
  • Die Gegensätze der Nationen, in denen wir zum großen Teil eine Folge des jetzigen Produktionssystems sehen, das zum Weltkrieg und zu wirtschaftlichem Chaos geführt hat. Wir sind überzeugt, dass diese Gegensätze durch eine den Bedürfnissen der einzelnen Nationen angepasste Regelung der Weltwirtschaft ausgeglichen werden können.
  • Endlich sehen wir auch eine wesentliche Ursache des Krieges in der falschen Auffassung über das Wesen des Staates. Der Staat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Staates willen.

Die Anerkennung der Heiligkeit des menschlichen Lebens, der menschlichen Persönlichkeit muss das Grundgesetz der menschlichen Gesellschaft werden.

Andrerseits darf auch der einzelne Staat nicht mehr als souveränes Einzelwesen betrachtet werden; denn jede Nation ist ein Teil der großen Familie der Menschheit.

Wir müssen daher mit aller Kraft für die Beseitigung von Klassen und trennenden Gesetzen wirken und für die Schaffung einer weltumfassenden Brüderlichkeit begründet auf gegenseitige Hilfe.” (1)


Diese 1921 im holländischen Bilthoven vor fast 100 Jahren während der Gründungskonferenz der „Internationale der Kriegsdienstgegner“ verfasste Erklärung hat nichts an Aktualität verloren (a1).

Auch deshalb meine ich: Es ist eine gute Zeit, die Tradition der Ostermärsche – ganz im Zeichen aller Friedensbewegten stehend – neu aufleben zu lassen.

Bitte bleiben Sie – gerade im Sinne des großen und kleinen Friedens – achtsam.


(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Bei Verlinkungen auf weitere Artikel von Peds Ansichten finden Sie dort auch die externen Quellen, mit denen die Aussagen im aktuellen Text belegt werden.

(a1) Die Internationale der Kriegsdienstgegner (WRI) gibt es auch heute noch. Die Deutsche Friedensgesellschaft – Verband der Kriegsdienstverweigerer (DFG-VK) – als älteste deutsche Friedensorganisation, und mitgegründet von Bertha von Suttner – ist Mitglied der WRI (2,3).

(1) Die Friedensbewegung : ein Handbuch d. Weltfriedensströmungen d. Gegenwart; Walter Fabian [Hrsg.]; Köln: Bund-Verlag, 1985; Repr. d. 1922 in Berlin erschienenen Handbuchs, ISBN: 3766309454, S.130ff

(2) https://wri-irg.org/de/network/about_wri; abgerufen: 10.03.2020

(3) https://www.dfg-vk.de/unsere-geschichte; abgerufen: 10.03.2020

(Titelbild) A German Army Leopard 2 tank, assigned to 104th Panzer Battalion, moves through the Joint Multinational Readiness Center during Saber Junction 2012 in Hohenfels, Germany; Markus Rauchenberger; 25.02.2012; https://en.wikipedia.org/wiki/File:German_Army_Leopard_2A6_tank_in_Oct._2012.jpg; Lizenz: Public Domain

10 Kommentare

  1. „Krieg ist ein Verbrechen gegen die Menschheit! Denn er ist ein Verbrechen gegen das Leben“
    Ist die Menschheit mit dem Leben gleichzusetzen? Ist das Leben ein Selbstzweck? Um welches Leben geht es: Muss es ein „erfülltes“ Leben sein oder geht es auch um den an Maschinen angeschlossenen Koma-Patienten (der ja auch lebt)? Tiere und Pflanzen leben ja auch…
    Texte, die sich zu einer Friedensbewegung zählen, begründen oft, dass Krieg ja keinen Frieden bringt. Das mag stimmen, doch wird eben auch ein kleiner (Propaganda)Trick angewandt indem die Begründung für das Anstreben des Friedens unterschlagen wird, oder es wird wie im hiesigen Beitrag mit einem willkürlichen Gleichsetzen von Menschheit und Leben übergangen. Man übergeht also die Grundsatzfragen. Man könnte meinen, mein Einwand sei Krümelkackerei, jeder wolle doch leben, das könne man schon annehmen, usw. Aber mit solchen Tricks arbeiten auch die Kriegs-Begründer. Z.b. erinnere ich mich da an die Schilderungen von Rainer Rupp, der als Nato-Insider (sinngemäß) meinte, die Leitung der Nato überging die Grundfrage (ist Russland überhaupt gefährlich) und meinte einfach: Ja, Russland ist gefährlich. Dann konnte man darauf logisch aufbauen: man muss sich schützen— wie schützen wir uns — wer bezahlt das…usw.
    Ich vermute, wenn man auch bei den Grundfragen auf Polemik und Propagandatricks verzichtet, kommt man wirklich in eine andere(neue) und vor allem fruchtbarere Denk-Qualität, als es die Menschen mit egoistischen oder gruppenegoistischen Interessen tun.
    Meine einladende Einstiegsfrage lautet folglich: Welches Leben soll geschützt werden und warum?
    Ped, herzlichen Dank für deine Arbeit in diesem Blog.

  2. Meine Antwort, takatukala:

    Militärischer ´Lebensschutz´ ist hochgradig ilusionär.
    Er mag – zeitweise (!) – einige Leben vor Versehrung, Knechtung und Auslöschung bewahren, fordert dafür aber zumindest anfangs andere in größerem Umfang – später auch viele der erhofft bzw. behauptet durch Krieg schützbaren – und legt in unsäglichen Maßen Lebensgrundlagen und Kulturgut in Schutt und Asche.

    Kein Militäreinsatz schützt wen oder was auch immer. Er agiert einzig und allein die Gewinn-Interessen von Menschen mit unangemessen hypertrophierten gesellschaftlichen Einfluss-Positionen aus.

    Die Gefährlichkeit von Gemeinwesen liegt in ihrer unterstellten und getriggerten bis realen Kriegs- also Raub- und Ausbeutungs-Willigkeit.
    Die Vorstellung, eine solche mit Machtmitteln – also mit Gegen-Rüstung und Bündnissystemen mit Gegen- Kriegsdrohungen – verhindern zu wollen, ist Illusion.
    Irgendwann werden die solcher Politik nie wirklich kanalisierbar-eingeschriebenen Eskalationsprozesse in einen vermeintlich günstigen Augenblick für einen vorteilhaften Erstschlag münden. Dann geht es, sobald zurückgeschlagen wird, um Hekatomben von Toten und riesige Regionen voller Schutt und Asche … ! – ´Schutz´ irgendwelchen Lebens ???

    Der einzige Weg zum Nicht-Krieg ist, Krieg niemals anzunehmen, die so oder so entwickelte Gefährlichkeit anderer Gemeinwesen nicht bekämpfen zu wollen, sondern allfällige ´Eroberungen, so sie denn dann ohne Not (!) tatsächlich stattfinden sollten, ebenso auszusitzen wie längst eingeschliffene Vasalitäten u.a. aufgrund von Wirtschaft- und Sieger-Macht, wie wir alle sie kennen und mal geistlos, mal nur auf findige Weise widerständlich bedienen . . .

    Wer sich zu militärischer Wehrlosigkeit entscheidet, zieht mögliche Unterdrückung und Vasallität Tod und Zerstörung vor.
    Wer sich zu militärischer Wehrlosigkeit entscheidet, setzt selbst keine Bedrohung in die Welt, setzt demgegenüber auf gute oder einfach nur distanzierte Nachbarschaft und verzichtet ausdrücklich auf äußere Vorteilsnahmepolitik, Drohgebaren und Verurteilungs-Kaskaden !
    Niemand unterlässt schließlich irgendein Verbrechen, weil man ihn als Verbrecher anprangert – und das gar inflationär am laufenden Band. Wie war das mit dem Splitter im Auge anderer ? ! !

  3. Aktuelles Beispiel. Ist der Krieg der syrischen arabischen Armee gegen die Bedrohung des Landes durch terroristische und andere Akteure mit deren offensichtlichem Ziel , Chaos zu schaffen, abzulehnen? Ich meine, nein. Würde ziviler Widerstand hier wirken? Ich meine, nein.
    Der Pazifismus in extrema führt zu einer Militarisierung, weil jeder, der zu militärischen Mitteln greift, diese mangels Gegenwehr erfolgreich anwenden kann. Im Sinne der Evolution, ja ich weiß, Sozialdarwinismus ist verpönt, würden Pazifisten recht schnell aussterben oder in der Sklaverei landen.

    1. Das ist richtig, aber Pazifismus ist nicht mit Dummheit zu verwechseln. Das habe ich im Text auch angesprochen.
      Pazifisten wichten die Chancen von Vertrauensbildung ganz anders als in Phobien gefangene Kriegstreiber. Sie tun das, was als allererstes auch im täglichen Leben sinnvoll ist: Deeskalieren.
      Vertrauen ist immer ein Vorschuss, der auch missbraucht werden kann. Das ist unbestritten.
      Wir sind jedoch viel zu schnell bereit, auf die gewalttätige Variante zu schauen. Wir sind da nicht ehrlich zu uns, lassen uns in unseren Ängsten unreflektiert triggern und trotten dann in die Eskalation.
      Und das haben „wir“ ja auch in Syrien gemacht. „Wir“ haben irgendetwas „verteidigt“ in Syrien und jetzt nutzen eben „wir“, das Argument, dass man sich „verteidigen“ darf. Sehr schöne Spiegelung.
      Es geht ja eben auch gar nicht um Syrien oder Russland oder China oder sonstwen. Es geht um uns.
      Defender 2020 betrifft uns. Mit dem Hinnehmen dieser kriegsvorbereitenden Maßnahmen tragen in letzter Konsequenz „wir“ die Kriege auch mit. Etwas einfach hinzunehmen ist Lichtjahre weg von Pazifismus.

      Frieden braucht Mut und Überwindung von Bequemlichkeit. Das fehlt.
      Es waren nicht die Pazifisten, die Deutschland in den WK2 führten. Ihr Fehlen ließ es dazu kommen. Pazifismus ist auch nicht damit genüge getan, dass man einem Angreifer einfach die Backe hinhält. Pazifismus ist aktives Handeln.
      Als ob die Gesellschaft hierzulande gefährdet wäre, wenn der Pazifismus einen wesentlichen Einfluss auf sie gewänne. Ganz im Gegenteil: Menschen in anderen Staaten könnten wahrscheinlich sehr viel ruhiger schlafen.
      Herzlich, Ped

      1. Lieber Ped, bevor es zu rigorosem Pazifismus kommt, gibt es die ganze Bandbreite an „vertrauensbildenden Maßnahmen“ – auch wenn der Begriff vielleicht ausgeleiert klingen mag. Jeder (Angriffs-)Krieg setzt eine mediale Einstimmung in den Krieg voraus, ein Feindbild, idealerweise in Unkenntnis des Feindes. Deswegen sind auch Nordkorea oder der Iran so toll geeignet, als Feindbild zu dienen. Kaum jemand war persönlich dort, kann die Sprache, deswegen kann man alles und jedes darüber behaupten, so wie in der Literatur mit Alice im Wunderland. Der alte „Erzfeind“ Frankreich taugt nicht mehr, weil er einfach zu gut bekannt ist, was auch gut illustriert, dass Feindbilder nicht nur medial aufgebaut werden können, sondern auch zügig überwunden werden können. Etwa deswegen war man so vehement gegen die Fußball-WM in Russland, weil viele sich unmittelbar aus eigener Anschauung davon überzeugen konnten, wie Mordor in echt aussieht.
        Sie unterscheiden hier gewissermaßen zwischen Pazifismus auf der Angreiferseite und Pazifismus auf der Verteidigerseite. Sicher, es war nicht Pazifismus, der DE in den 2. Weltkrieg geführt hat. Aber was hätte Pazifismus aus der SU gemacht? Und nach welchen Maßstäben entscheidet und erkennt man, dass „wir“ plötzlich nicht „die Guten“ sind (das ist schwer schon allein deswegen, weil es eine anthropologische Konstante ist, dass WIR immer der gute Nabel der Welt sind, während die ANDEREN gefährlich, minderbemittelt oder doch wenigstens komisch sind, etwa pl. niemiec für einen Deutschen, wörtlich „einer der nicht sprechen kann“)? Das ist zum einen ganz banal das Völkerrecht (Gewaltverbot der UNO und GG in der gegenwärtigen Form theoretisch ausreichend, wird aber nicht durchgesetzt etwa gegen Fischer/Schröder/Struck/Klein) und dann auch die Menge von Worthülsen und Lügen, mit denen man in der Politik und den Medien um sich wirft.
        Natürlich kann man rein pragmatisch gegen das Militär demonstrieren. Man kann den Dienst an der Waffe verweigern, solange dies nicht als Zersetzung des Volkskörpers standrechtlich geahndet wird. Man kann die Feindbilder zerstören, indem man Kunde über diese „Feinde“ erlangt und weiterverbreitet, und das schließt m.E. sogar die „Terroristen“ in Idlib ein, indem man deren Gründe, Motive, Zwänge hinterfragt. Die vielfältigen Angebote von Pardon durch den syrischen Staat finde ich hier eine sehr gute Lösung.
        In dem jüngsten Interview von Assad unterscheidet dieser die bilaterale Beziehung zu Russland und die globale/regionale Rolle von Russland. Die Abwesenheit von Gegengewichten zu den USA hatte dazu geführt, dass in der Außenpolitik Diplomatie zu einer Farce verkam und nur noch wirtschaftlicher und militärischer Druck an der Tagesordnung waren, sofort begonnen mit Golfkrieg 2 ab 1990. Das Wiedererstarken von Russland bringt die Notwendigkeit von Diplomatie zurück, wobei viele das ja derweil verlernt haben …
        Und wie schwer ist es, Frieden durchzusetzen, wenn der MIK davon lebt und profitiert, dass „hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen.“

        1. „Sie unterscheiden hier gewissermaßen zwischen Pazifismus auf der Angreiferseite und Pazifismus auf der Verteidigerseite.“

          Das ist eine – gewissermaßen – Unterstellung und vor allem ein Widerspruch in sich. Wahrscheinlich wollten Sie etwas anderes ausdrücken.

          „Aber was hätte Pazifismus aus der SU gemacht?“

          Immer fallen wir in das Raster, dass die Waage in Richtung Gewalt ausschlagen muss. Ja, wir denken in Gewalt, im Machtansatz. Aber das ist es ja gerade: Der Pazifismus – als eine Grundeinstellung von der deutschen Gesellschaft getragen – hätte mit der SU rein gar nichts gemacht.

          Sicher, es war nicht Pazifismus, der DE in den 2. Weltkrieg geführt hat.

          Eben, es gab ihn nicht. Nicht in dem Sinne, dass er die Menschen getragen hätte. Bedenklich ist, dass wir heute das Gleiche erleben. Was hätten wir für ein Problem mit ein paar durchgeknallten Kriegstreibern? Keines. Die stöhnende Masse, die „ja eh nichts machen kann“, sie ist es, die den ganzen Irrsinn erst möglich macht. Darüber dürfen wir endlich reden.

          Zudem schauen wir immer „nach oben“. Es ist richtig in Metaebenen zu denken, aber es ist schlecht nur dort zu verharren. Unsere Ebene „hier unten“ stützt und gestaltet die Metaebene, macht Geostrategie, so wie wir sie heute erleben, erst möglich.

          Herzlich, Ped

  4. Es ist diese übermächtige „rote Linie“, die wir alle, jeder von uns, im Inneren ziehen. Diese „rote Linie“ gefärbt aus dem Gefühl, welchem wir Macht geben. Ob Hass, Wut, Zorn, Rache, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Idealismus oder einfach nur Hunger. Hunger nach Macht, Hunger nach Aufmerksamkeit, Hunger nach einem Ideal.

    Diese „rote Linie“ definieren wir. Und wenn ich mutig bin, dann sitze ich einfach nur da, inmitten der Natur, umgebend von Macht, Kraft, Verführung und Gewohnheiten. Tief versunken nehme ich die Kräfte wahr, welche gegeneinander zerren, ob Verstand gegen Gefühl, Unbewusst sein gegen Bewusstsein, Gewohnheit gegen Sehnsucht. Sie zerren, unaufhörlich, unermüdlich. Doch die Mächte um mich herum, die Natur mit allen Mitspielern zeigt im Dauerlauf ihre „rote Linie“. Spüre ich in dieses Gleichgewicht hinein, unterscheidet es sich deutlich von meiner bisherigen Welt-Sicht, Gewohnheit und Glauben.

    Die Kraft, sie kostet Mut, mich in diesem Moment dem Fluss hinzugeben, genauer hin zu sehen. Wer zerrt und warum. Und dann nach einer Weil erkenne ich meine „rote Linie“. Gezogen mit einer unbarmherzigen Macht. Früher, war meine „rote Linie“ noch beeinflusst von Erziehung, dem Glauben an das was man mir und allen meiner Zeit suggeriert und souffliert hat. Beeinflusst von persönlicher Erfahrung, Leid und Ungerechtigkeit. Und doch veränderte sich diese „rote Linie“. Nicht, dass es eine grüne oder blaue wurde. Nein, sie wurde gefüttert und gespeist aus Erkenntnissen. Den Erkenntnisse durch erlebte Beweise der Natur. Sie wurde zum Lehrer und Vorbild. Dort, in der Natur, herrscht niemals Krieg, aber „rote Linien“ definiert durch einfach, Gleichgewichts-erhaltende Gesetze.

    Leben ist das höchste, wertvollste und für manche auch das heiligste. Auf jedenfall, das am wichtigsten zu beschützende. Denn erst das Leben füllt alles Bewusstsein, vom Stein über die Pflanze bis hin zum Tier und am Ende zu uns, dem Menschen. Töten, das Ergebnis von Gewalt und Zwang, achtet nicht mehr dieses heilige Gut Leben.

    Wo also ist nun meine „rote Linie“ heute? Sie ist gefüllt mit der Entschlossenheit Freiheit eines Jeden, ein friedliches Miteinander und das Leben zu schützen. Wird dieses bedroht wird meine „rote Linie“ überschritten. So nähert sich meine „rote Linie“ der Linie der Natur. Am Ende entwickele ich eine natürliche Intelligenz, als Care-Paket für das nächste Leben.

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