Gedanken um eine Reuters-Meldung

Eine Episode zur Meinungsbildung im Rahmen der großen Politik


Die politische Einflussnahme auf die großen Medien wirkt sich selbstredend auf deren Berichterstattung aus. Einflussnahme ist motiviert aus Gestaltungswillen, und im Rahmen machtvoller Systeme sucht sie eine Realität zu zeichnen, welche der gewünschten, zukünftigen Realität förderlich ist. Die zu platzen drohenden türkischen Großmachtträume in Nordsyrien haben eine ganze Reihe interessanter Konsequenzen produziert.


Vorwort

Mit ihrer Berichterstattung versuchen die Massenmedien — getrieben durch die deren Existenz sichernden Initiatoren — jeden einzelnen Menschen zu erreichen. Erreichen insofern, dass in ihnen Emotionen angesprochen werden, die wiederum bestimmte Reaktionen oder auch Nichtreaktionen hervorrufen. Grundsätzlich ist daran nichts schlimm. Im täglichen Leben machen wir das alle und ständig. Wir sind — je nach Charakter und aktueller Befindlichkeit — auf der Suche nach Aufmerksamkeit, Mitleid, Bewunderung, Verehrung und Zuneigung.

Gelegentlich wünschen wir uns auch das Gegenteil. So, wenn uns Menschen unsympathisch sind. Dann senden wir selbst Signale, die wiederum uns unsympathisch erscheinen lassen sollen. Einfach damit wir unsere Ruhe vor dem psychologischen Spiegel haben, der uns in solchen Situationen nämlich vorgehalten wird. Ja, und manchmal reden wir aus demselben Grund auch schlecht über Dritte.

Das alles ist — wie gesagt — normal. Wir kommunizieren über Emotionen. Schon daran lässt sich erkennen, wie groß die Herausforderung für Medien ist, objektiv zu berichten — praktisch „außen vor“ zu sein. Eigentlich geht das gar nicht. Diese Vorrede möchte verständlich machen, dass Meinungsbildung durch Massenmedien eigentlich unvermeidlich ist. Zumal, wenn sie über einen großen Teil unserer Lebens- und vor allem Erlebenszeit mit ihren Botschaften unsere Hirne erreichen.

Hinter Massenmedien steckt Einfluss. Ihre Berichte sind ein — nicht abwertend gemeinter — verarbeiteter Ausfluss. Auch die für Medien arbeitenden Menschen selbst haben Einfluss auf das, was sie berichten. Je mehr sie sich dessen bewusst sind, desto größer ist ihr Vermögen, Einfluss zu nehmen. Massenmedien ohne äußeren Einfluss können in der Welt, wie wir sie kennen, nicht existieren. Ihre eigene Existenz bedarf des Einflusses und dieser ist wirtschaftlich, politisch und auch ideologisch. Deshalb sind Massenmedien abhängig. Das ist einfach eine Tatsache und keine Verurteilung.

Wenn also große Medien ganz bestimmte Nachrichten verbreiten und andere wiederum nicht, dann hat das mit dem auf sie ausgeübten Einfluss zu tun, der die Ziele der Beeinflussenden transportiert. Zwar hat jedes Medium auch seine „Spielwiese“, in der es Freiheiten ausleben kann und die Beeinflussung nicht spürt. Aber auch die „Spielwiese“ — deren schiere Existenz — ist ohne die Beeinflussenden nicht möglich. Bestimmte Informationen an den Mann oder die Frau zu bringen, sind deshalb in solch einem Abhängigkeitsverhältnis Pflicht.

Jeder, der die Informationen der Massenmedien nicht nur konsumiert, sondern sie aufmerksam analysiert, kann mit gerade hergeleiteter Erkenntnis aus dem Inhalt, der Art und Weise sowie den Quellen einer Nachricht eine ganze Menge herausarbeiten.

Reuters Ohr im Bundestag

Eine Meldung der deutschen Sparte von Reuters — einer der größten Nachrichtenagenturen der Welt — leitete mit dieser Überschrift ein:

Merkel will Schutzzone für Flüchtlinge in Provinz Idlib“ (i)

„Schutzzonen“ haben Politiker der gegen Syrien kriegführenden Staaten fast seit Anbeginn der Auseinandersetzungen immer wieder gefordert. Zuletzt hatte sich die aktuelle deutsche Kriegsministerin Annegret Kramp-Karrenberger (AKK) im Spätherbst des vergangenen Jahres dafür stark gemacht. Befassen wir uns nicht weiter mit den fadenscheinige Argumenten, die dafür vorgebracht wurden. Doch die Überschrift der Reuters-Meldung betreffend, sollten wir diese nicht so einfach hinnehmen. Will Merkel tatsächlich ein Schutzzone in Idlib? Oder drängt sie auf eine Schutzzone für Flüchtlinge, die sich derzeit in der Provinz Idlib aufhalten? Sie meinen, dass ist „Krümelkackerei“?

Reuters fährt fort:

Berlin (Reuters) — Angesichts der Lage der Flüchtlinge in Nordsyrien plädiert Bundeskanzlerin Angela Merkel für eine Sicherheitszone in der Region Idlib.“ (ii)

Der erste Eindruck, der uns befallen kann, ist der, dass die Überschrift wiederholt wird. Tut es aber nicht. Ganz abgesehen davon, dass ja die Aussage der Überschrift nicht eindeutig ist — ist das ein Versehen? In der Überschrift lesen wir von der Provinz Idlib, im danach folgenden Absatz der Region Idlib. Die Region Idlib ist weitgefasster als die administrativ klar umrissene Provinz Idlib. Kann uns da etwas schwanen? Fahren wir fort in der Reuters-Meldung:

Dies sei nötig, um die gravierende humanitäre Lage für die Menschen in der Region in den Griff zu bekommen, sagte Merkel nach Informationen von Reuters aus Teilnehmerkreisen in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion am Dienstag.“ (iii)

„Gravierende humanitäre Lage“ ist wichtig, wichtig für den sedierten Medienkonsumenten, damit er das andere nicht mehr weiter betrachtet oder gar hinterfragt und nur noch nachbetet: „Ja, wir müssen helfen“. Das ist also Propaganda, nichts Neues, ganz normal. Wir — nun zumindest ich — gehen jedoch davon aus, dass mit der Nachricht absichtsvoll Emotionen angesprochen werden. Diese sollen in Masse eine angepasste öffentliche Meinung bewirken.

Im gerade Zitierten stecken zwei wichtige Sachinformationen: ein Datum und eine — nennen wir es mal so — Quelle.

Diese Quelle ist allerdings ziemlich diffus — finden Sie nicht auch? Sie berichtet „nach Informationen von Reuters aus Teilnehmerkreisen in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion“. Warum ist das so schwammig formuliert? Nun, der Informant wird damit abgesichert, nicht bloßgestellt zu werden. Das wäre die eine Möglichkeit, aber es gibt noch eine Weitere und die kann sich durchaus zur ersten hinzugesellen. Angela Merkel kann jederzeit kundtun, dass sie so etwas gar nicht gesagt hat. Auch die deutsche Bundeskanzlerin ist damit abgesichert, falls der Testballon nach hinten losgeht.

Welcher Testballon das ist, arbeiten wir gleich heraus. Zunächst können wir jedoch an dieser Stelle festhalten, dass die Reuters-Meldung so konstruiert ist, dass weder die Quelle lokalisiert noch der übermittelte Inhalt zementiert ist. In diesem Sinne handelt es sich also um so etwas wie ein Gerücht — auch und vor allem deshalb verbreitet, um bestimmte Adressaten über veränderte Sichten und geänderte Absichten zu informieren.

Im Nachhinein können wir erkennen, dass auch der „Vorstoß“ von Kramp-Karrenbauer im Vorjahr, als sie die „Schutzzonen“ in Syrien ins Spiel brachte (1), sehr wohl abgestimmt war. Wieder die Reuters-Meldung:

Mit der Sicherheitszone griff Merkel einen Vorschlag auf, den zuvor Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer gemacht hatte, um die syrischen Flüchtlinge zu schützen und zu versorgen. Die CDU-Chefin sagte in der Sitzung, dass es gut gewesen wäre, wenn die internationale Gemeinschaft eine solche Sicherheitszone eingerichtet hätte.“ (iv)

Wie heißt es so schön: „Man weiß ja nie, wofür es mal gut sein könnte.“ Oder auch: „Gottes Mühlen — also die christdemokratischen — mahlen langsam, aber sie mahlen.“ Wieder kommt das Argument für die Gehirngewaschenen: „[…] um die syrischen Flüchtlinge zu schützen und zu versorgen“, während die gleichen Leute Syrien zu erdrosseln versuchen und in Syrien keinem Krankenhaus auch nur annähernd in ausreichender Zahl Ärzte zur Verfügung stehen. Nun ja, die sind jetzt in Deutschland und Deutschland bringt „Opfer“, in dem es ein „Fachkräftezuwanderungsgesetz“ verabschiedete, das zwischen wertvollen und nicht ganz so wertvollen Flüchtlingen unterscheidet.

Aber gehen wir weiter in der Reuters-Meldung und jetzt wird es richtig interessant:

Merkel plädierte in der Sitzung aber nicht dafür, die umstrittene, von der Türkei besetzte Zone in Nordsyrien zur Sicherheitszone zu erklären, wurde betont.“ (v)

„Ja, ja“, wird der von der Propaganda eingewickelte Medienkonsument erschöpft ausrufen. „Ist doch egal wo, Hauptsache den armen Menschen wird geholfen.“ Wir wissen jedoch: Um Hilfe geht es hier gar nicht. Aber was erzählt uns Reuters da? Die Kanzlerin soll ausdrücklich plädiert haben und es wurde explizit betont:

nicht die umstrittene, von der Türkei besetzte Zone in Nordsyrien zur Sicherheitszone zu erklären.

Da stellen sich wiederum zwei Fragen: Was wird unter „umstrittene“ verstanden zum Einen, und wo soll diese Sicherheitszone liegen zum Anderen. Also: Welche von der Türkei besetzte Zone in Nordsyrien ist nicht umstritten? Schauen wir uns dafür die folgende Karte an (b1):

Grün unterlegt ist das vorrangig vom al-Qaida-Ableger Hayat Tahrir al-Sham (HTS, früher Jabhat al-Nusra) besetzte Gebiet der Provinz Idlib. Violet markiert sind die von der Türkei gemeinsam mit weiteren islamistischen Gruppen annektierten Territorien in Raqqa und Hasakah. Ohne große Fantasie lässt sich erkennen, dass die Türkei dauerhaft eine „Pufferzone“ zu installieren und damit Landgewinn auf Kosten des südlichen Nachbarn zu erzielen versucht.

Das wahre Wesen der „Schutzzonen“

Wir können davon ausgehen, dass „umstritten“ — seitens Angela Merkel — auf jeden Fall die Provinz Idlib im Nordwesten einbezieht. Das ist jene Provinz, in der die Türkei aktuell mit massivem Einsatz versucht, ihr erbeutetes Protektorat zu halten. Wie gesagt, betonte man das offenbar in jener CDU-Fraktionssitzung und außerdem wollte man, dass das auch nach außen dringt und über eine weltweit operierende Nachrichtenagentur weiterverbreitet wird. DAS wird der Türkei gar nicht gefallen — und warum?

Wenn es keine „Schutzzonen“ in Idlib gibt, dann kann auf diesen auch keine Argumentationen aufgebaut werden, welche die Wertegemeinschaft verpflichtet, diese Gebiete vor „Assads Truppen“ zu verteidigen. Die deutsche Regierung achtet sehr sorgsam darauf, nicht die Rolle zu wechseln. Bislang machten in Syrien vor allem die Türkei und arabische Ölmonarchien die Drecksarbeit für den Wertewesten. Der konnte auf diese Art und Weise immer schön im Hintergrund bleiben und selbstgefällig die Fahne der Demokratie und Menschenrechte schwenken.

Nicht nur Deutschland hat also Idlib — in Erkenntnis der gescheiterten „Transformation“ Syriens — abgeschrieben. Im Rahmen der beabsichtigten türkischen Landnahme syrischen Territoriums war Idlib allerdings die wertvollste Beute, und unter der Hand hatten die wertewestlichen Partner ihr — der Türkei — diese wohl auch als Filetstück bei der Aufteilung Syriens angeboten.

Darum ging es schließlich: um die Zerschlagung Syriens und dessen Neuordnung in in einem halben Dutzend von unselbständigen Pseudostaatsgebilden. Dort hätte der Islamische Staat und diverse Kalifate ihren Platz gefunden. Für Syrien selbst war allenfalls ein Reststaat ganz im Westen des Landes vorgesehen gewesen.

Es handelt sich hier keinesfalls um Fantasien, sondern lange bekannte, knallharte Pläne aus den Denkfabriken des gestaltenden Hegemons.

Nun ist die Türkei extrem verschnupft, denn Idlib hatte sie längst für sich gebucht. Vor Monaten wurde dort die amtliche syrische Währung abgeschafft, Lehrpläne auf die türkischen Modelle umgestellt und Islamisten der Dienst an der Waffe mit Haus und Hof in Idlib schmackhaft gemacht, wofür westliche Staaten reichlich „Hilfsgelder spendeten“. In diesem Rahmen werden seit längerem Zwangsumsiedlungen in großem Stil — und nicht nur in Idlib — betrieben (2).

Für die Türkei ist Idlib längst „ihr Idlib“, dass sie jetzt wieder hergeben sollen. Idlib war ihnen faktisch versprochen worden. Ihr ganzer Krieg beruhte in erster Linie auf der verlockenden Beute Idlib, nachdem Ende 2016 bereits Aleppo „verloren war“.

Und jetzt sagt nicht nur Deutschland den Türken so in etwa:

Tut uns leid, Pech gehabt. Seht zu, wie ihr klarkommt. Bislang konnten wir ja auch medienträchtig mit den Muskeln spielen, um den „Schlächter Assad“ in die Schranken zu weisen. Doch derzeit stellen wir fest, dass die Investitionen in das Regime-Change Projekt in Syrien abgeschrieben werden müssen. Auch hat der Große Bruder auf der anderen Seite des Großen Teiches signalisiert, dass er militärisch in Syrien nichts mehr reißen will. Das ändert selbstverständlich auch schlagartig alle wertewestlichen Vorstellungen der deutschland-geführten Europäischen Union zur Befriedung des Neuen Nahen Ostens.

Die türkischen Machteliten haben bis zum heutigen Tag exakt so gehandelt, wie es von ihnen gewünscht wurde. Jetzt aber signalisiert ihnen der Wertewesten, dass vor allem sie die Konsequenzen der mit ihm betriebenen, verheerenden Politik schultern sollen. Echte Partnerschaften sehen anders aus.

Man bietet dieser Tage der Türkei aus bundesdeutschen Kreisen an, sich für eine „Schutzzone“ stark zu machen. Dass dies für Idlib nicht mehr in Frage kommt, wurde bereits erörtert. Wo also soll sie dann etabliert werden — auf türkischem oder auf syrischem Boden? An dieser Stelle keimt in mir der starke Verdacht, dass man der Türkei die nächste Möhre hinhält, womit wir zur Region Idlib kommen. Im weitesten Sinne umfasst diese nämlich auch die nordöstlich gelegene Provinz Afrin. Hätte die Türkei etwas davon?

Wir müssen uns im Klaren sein, dass „Schutzzone“ ein Orwellscher Begriff ist. Eine Schutzzone im Sinne des Wortes kann die Türkei überhaupt nicht gebrauchen — nicht in Afrin und schon gar nicht in der Türkei selbst. Nach was sie lechzt, ist eine Aufsicht der „internationalen Gemeinschaft“ — vor allem militärischer Art — über diese „Schutzzone“, und damit ist klar, dass diese erneut auf syrischem Gebiet geplant ist.

Idealerweise hätte die Türkei das gern in Verbindung mit einer Flugverbotszone, so wie vor zehn Jahren in Libyen praktiziert. Eine solche Aufsicht würde die Besatzung der Türkei über das entsprechende Territorium festigen und verhindern, dass Syrien die Souveränität über jenes Gebiet zurück erlangen kann. Also fördert man von Berlin aus die Großosmanischen Träume in Ankara, welche die Illusion einschließen, dass man vielleicht Afrin „behalten“ könnte. Das wird nicht funktionieren und es ist unehrlich, denn die Regierung in Berlin weiß das.

Die Deutsche Kanzlerin wählt ihre Worte sehr vorsichtig. Das offensive Vorbringen von angeblichen Lösungen, „um den armen Menschen zu helfen“, überlässt sie der Transatlantikerin AKK, die jedoch ihrerseits zurückgerudert ist und eine militärische Variante nicht mehr für durchsetzbar hält:

Wahrscheinlicher sei eine Schutzzone, in der die Vereinten Nationen (UN), die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und humanitäre Organisationen die Menschen versorgten.“ (3)

Das sind nichts weiter als Luftblasen. Doch irgendetwas muss man der Türkei anbieten, damit diese das Gefühl des Betrogenseins nicht in Gänze erfasst und urplötzlich sowie vollständig aus der „Partnerschaft“ mit der Europäischen Union aussteigt. Wohin soll sie denn hin, mit den vielen Tausend Militanten — samt Anhang -, die mit und durch die Türkei in knapp zehn Jahren gezüchtet wurden? Darum geht es derzeit eben auch: Es wird nun um die Übernahme der „Altlasten“ eines mörderischen Krieges gegen einen UN-Mitgliedsstaat gefeilscht.

Die EU wird der Türkei erneut viel Geld anbieten, um sie bei der Stange zu halten, und sicher wird auch Geld fließen. Gerade so viel, dass die als „Partner“ nicht aussteigt. Aber die Messen sind gelesen — und Angela Merkel keinesfalls eine lupenreine Transatlantikerin. Sie hat ein Gespür für Machtkonstellationen und testet innerhalb dieser aus, inwieweit Möglichkeiten zur Entfaltung eigener Machtinteressen umsetzbar sind. Reuters berichtet in seiner Meldung:

In der CDU/CSU-Bundestagsfraktion habe Merkel weiter erklärt, dass Russlands Präsident Wladimir Putin keinen Vierergipfel mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan wolle, erfuhr Reuters weiter. Sie habe mehrfach ihre Bereitschaft zu einem solchen Treffen bekräftigt.“ (vi)

Die Botschaft, die sich erkennen lässt, lautet: „Wir sind bereit — mehr als es uns in der Vergangenheit möglich war -, zum Thema Syrien mit dem russischen Präsidenten ins Gespräch zu kommen. Wir wiederholen dieses Angebot. Wir erkennen an, dass wir, so wir weiter versuchen, Russland — an den gegebenen Realitäten vorbei — von einer Lösungssuche für Syrien auszuschließen, zukünftig keine Rolle mehr dort spielen werden. Wir erkennen an, dass wir Russlands Interessen in Syrien wahrnehmen.“

Dies ist umso auffälliger, wenn man sich noch folgendes vor Augen führt: Die USA — nach wie vor das Machtzentrum der westlichen Welt und in Syrien mit Truppen präsent — spielen interessanterweise keine Rolle in dieser Stellungnahme. Doch ist das nicht etwas weit hergeholt? Eher nicht, wenn man liest, wie die Reuters-Nachricht fortsetzt. Dürfen wir unseren Augen trauen? Das soll die deutsche Regierungschefin tatsächlich gesagt haben?

Merkel kritisierte den Angaben nach die Syrien-Politik des Westens. Es habe sich gezeigt, dass ein von außen initiierter Wechsel der Regierung nicht möglich sei. Der Krieg habe nur zu einer Radikalisierung geführt.“ (vii)

Angela Merkel kann jederzeit zurückrudern und behaupten, dass ihr diese Worte in den Mund gelegt worden seien. Daher kritisierte sie auch „den Angaben nach“. Ganz eindeutig werden hier die Fühler ausgestreckt und die Reaktionen abgewartet. Aber die Bedeutung der Aussage ist noch viel schwerwiegender:

Die Deutsche Regierung gibt indirekt zu, dass es sich beim Syrien-Krieg nicht um einen Bürgerkrieg handelt(e), sondern um eine verdeckte Intervention für einen gewaltsamen, durch den Westen angestrebten Sturz der Regierung dieses nahöstlichen Landes.

Kurz bevor die Tür — betreffs der Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb Syriens — für Deutschland endgültig zuschlug, hat dessen Führung die Hosen heruntergelassen und versucht noch ein Bein in die Tür zu bekommen.

Das ist ein Signal in wirklich viele Richtungen: nach Russland, Syrien, in die Türkei und natürlich auch die verschiedenen politischen Kräfte im eigenen Land. Auch das Folgende klingt doch mächtig ungewohnt, wenn man als Quelle Angela Merkel annimmt:

Erdogan habe mehrfach gesagt, dass er zufrieden mit der europäischen und internationalen Hilfe für sein Land sei. Die Lage sei jetzt kompliziert, weil Russland und die syrische Armee gemeinsam vorgingen. Die Türkei habe die Aufgabe gehabt, islamistische Kämpfer zu entwaffnen. Dies sei kaum zu schaffen.“ (viii)

Die deutsche Regierung ist unter Zugzwang. So gefährlich und blutig sich auch die derzeitige türkische Politik darstellt, so zwingt sie die EU doch zu einem grundsätzlichen Überdenken des bisherigen Handelns. „Die Lage sei jetzt kompliziert“ lässt sich auch psychologisch deuten. Sie ist für die EU und damit Deutschland kompliziert geworden. Noch etwas lässt den Beobachter staunen, extrahiert aus obigem Zitat:

Die Türkei habe die Aufgabe gehabt, islamistische Kämpfer zu entwaffnen. Dies sei kaum zu schaffen.

Was immer auch hörige Medien oder transatlantische Lautsprecher tönen mögen (4,5) — so lässt es Merkel wissen -, erkennt sie doch an, dass der militärische Einsatz, den Syrien im Bunde mit Russland gegen die Islamisten führt, gerechtfertigt ist. Unabhängig davon wird — wenn auch nur gelegentlich — im Mainstream so langsam mit der Wahrheit herausgerückt. Es sieht also ganz so aus, als ob ein, leider viel zu langsamer Prozess des Umdenkens seinen Anfang genommen hat (6-8).

Pragmatismus, Moral und Filterblasen

Interessant ist es, nun zu erleben, wie sich die etablierten konservativen Parteien CDU/CSU mit ihrem Abkömmling AfD in der praktischen Politik wieder in die Arme fallen. Während man außenpolitisch laviert, werden harte Bandagen angelegt, um die aus der Türkei über Griechenland in die EU drängenden Flüchtlinge — nur eine verschwindende Minderheit davon Syrer (9) — von ihrem Vorhaben abzuhalten. Eine wirkliche Diskussion über die Ursachen für das wachsende Heer der Entwurzelten findet deshalb noch lange nicht statt.

Diese findet auch nicht bei den „moralisch Reinen“ statt, welche erneut vehement eine Öffnung der Grenzen fordern. Gerade die Grünen waren die größten Scharfmacher im Syrienkrieg und halten bis zum heutigen Tag an ihrer überhebenden Sichtweise fest, dass man jedes Recht habe, Demokratie — was immer man als Grüner darunter auch verstehen mag — in fernen Ländern mit Gewalt durchzusetzen. Sie sind auch die Frontkämpfer im Russland-Bashing und haben keine besseren politischen Ideen als Forderungen nach weiteren Sanktionen gegen dieses Land (10).

Reuters gilt im Mainstream als vertrauenswürdig und eine durchgesteckte Information aus der CDU-Spitze wird gern entgegengenommen und verwertet. Die Art und Weise der Verwertung aber, ist mehr als aufschlussreich. Denn, egal ob bereits von der dpa als Zweitverwerter vorgefiltert (11,12) oder von den Medien selbst gekauft und verarbeitet, stimmten sie in einem Aspekt überein — ganz als ob sie gleichgeschaltet wären: T-Online, n-tv, Welt, Tagesspiegel, Süddeutsche, Merkur und wie sie noch heißen mögen, „übersahen“ etwas (13-16).

Sie ließen einen außerordentlich bedeutsamen und mitnichten überlesbaren Teil der Reuters-Nachricht einfach mal weg. Er sei zum Abschluss nochmals wiederholt:

Merkel kritisierte den Angaben nach die Syrien-Politik des Westens. Es habe sich gezeigt, dass ein von außen initiierter Wechsel der Regierung [in Syrien] nicht möglich sei. Der Krieg habe nur zu einer Radikalisierung geführt. […] Die Türkei habe die Aufgabe gehabt, islamistische Kämpfer zu entwaffnen. Dies sei kaum zu schaffen.

Das zu „übersehen“, ist bezeichnend für die Art und Weise des Umgangs mit aufkommender Dissonanz in den Redaktionsstuben der Meinungshoheit.

Bitte bleiben Sie schön aufmerksam.


Anmerkungen und Quellen

(Allgemein) Dieser Artikel von Peds Ansichten ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen kann er gern weiterverbreitet und vervielfältigt werden. Bei Verlinkungen auf weitere Artikel von Peds Ansichten finden Sie dort auch die externen Quellen, mit denen die Aussagen im aktuellen Text belegt werden. Der Text wurde vorab unter dem Titel Die Kriegsverbrecher auf der Online-Plattform Rubikon veröffentlicht.

(i-viii) 03. März 2020; https://de.reuters.com/article/t-rkei-syrien-idDEKBN20Q25M

(1) 23. Oktober 2019; Johannes Leithäuser, Eckart Lohse; https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kramp-karrenbauer-verteidigt-vorstoss-fuer-schutzzone-in-syrien-16447578.html

(2) 17. Februar 2020; Elke Dangeleit; https://www.heise.de/tp/features/Fluechtlinge-in-Nordsyrien-laden-Angela-Merkel-ein-4661990.html

(3) 04. März 2020; https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/griechenland-tuerkisch-griechische-grenze-fluechtlinge-europaeische-union

(4) 05. März 2020; https://www.tagesschau.de/ausland/putin-erdogan-163.html

(5) 05. März 2020; https://www.tagesspiegel.de/politik/konflikt-in-syrien-tuerkei-und-russland-einigen-sich-auf-waffenruhe-in-idlib/25612982.html

(6) 29. Februar 2020; Götz Aly; https://www.deutschlandfunkkultur.de/goetz-aly-zum-krieg-in-nordsyrien-idlib-ist-ein.2950.de.html?dram:article_id=471395

(7) 03. März 2020; Götz Aly; https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/kolumne-idlib-ist-ein-nest-von-terroristen-li.77491

(8) 03. März 2020; Wolfram Weimer; https://www.n-tv.de/politik/politik_person_der_woche/Der-Traum-vom-Osmanischen-Reich-So-erpresst-Erdogan-Europa-article21615307.html

(9) 04. März 2020, 20:15 Uhr; https://www.welt.de/politik/ausland/live206258671/Migration-Tuerkei-wirft-Griechenland-Toetung-eines-Migranten-vor-Athen-dementiert.html

(10) 04. März 2020; https://www.oldenburger-onlinezeitung.de/nachrichten/gruene-offen-fuer-sicherheitszone-in-syrien-34986.html

(11) 03. März 2020; https://www.sueddeutsche.de/politik/migration-seehofer-offen-fuer-aufnahme-von-fluechtlingskindern-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200303-99-163986

(12) 04. März 2020; https://www.merkur.de/politik/merkel-und-akk-dringen-auf-geschuetzte-zone-in-syrien-zr-13572968.html

(13) 04. März 2020, 18:21 Uhr; https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/krisen/id_87441488/krise-an-eu-grenze-mehrheit-der-deutschen-laut-umfrage-fuer-grenzoeffnung-.html

(14) 03. März 2020; https://www.n-tv.de/politik/Union-erwaegt-notfalls-Grenzschliessungen-article21617041.html

(15) 03. März 2020, 17:59 Uhr; https://www.welt.de/politik/ausland/live206258671/Fluechtlinge-Zwei-Drittel-der-Grenzuebertritte-von-Afghanen.html

(16) 03. März 2020, 17:46 Uhr; Inga Barthels; https://m.tagesspiegel.de/politik/tausende-gefluechtete-an-der-grenze-athen-erwaegt-geschlossene-lager-auf-unbewohnten-inseln/25599690.html

(b1) Syrien, Nordsyrien, Idlib, Aleppo, Raqqa; 05. März 2020; ISWNews; https://english.iswnews.com/

(Titelbild) Journalist, Kamera; Autor: AndyLeungHK (Pixabay); 5.5.2014; https://pixabay.com/de/photos/hongkong-medien-kamera-journalist-2654533/; Lizenz: Pixabay License

9 Kommentare

  1. Thomas Röper hat auf seinem blog „anti-spiegel“ wesentliche Absätze eines Interviews, welches der syrische Präsident Assad dem russischen Fernsehen gegeben hat, ins Deutsche übersetzt. Assads Einschätzungen sind sehr aufschlußreich: die Bundeskanzlerin bestätigt praktisch nur, dass Syrien und Russland den Versuch des Regime – Change erfolgreich abgewehrt haben und nun versucht, „von dem Baum herunterzuklettern, auf den (auch sie) hinaufgeklettert“ ist, und die Bundesrepublik sich jetzt noch lange mit den Kriegsfolgen terroristisch ausgebildeter Flüchtlinge aus aller Herren Länder wird herumschlagen müssen.

    Präsident Assad im Interview im russischen Fernsehen: „Über Europa zu reden, ist sinnlos“

    https://www.anti-spiegel.ru/2020/praesident-assad-im-interview-im-russischen-fernsehen-ueber-europa-zu-reden-ist-sinnlos/


    Lieber Hans-Joachim,
    Ihren kopierten Text aus Thomas Röpers Artikel – der ungemein gut zum hier vorliegenden Text passt – habe ich durch den Link zum Artikel auf dessen Webseite ersetzt, auch um dessen wichtige Arbeit zu wertschätzen.
    Ich denke, dass Sie das verstehen.
    Herzliche Grüße, Ped

  2. Interessanter „Leak“ von Reuters, interessante Analyse. (Ich bereite für Sie auch Gedanken zu Herrn Bornheim vo r.)

    Sie lassen einige Aspekte unberücksichtigt. Dieser „Leak“ hat tatsächlich großes Gewicht. Reuters ist in die US umgesiedelt, haust also nicht mehr in London. Es wird von daher interessant zu beobachten sein, wie die New York Times und Washington Post drauf springen. Dass dpa die Meldung nur verkürzt bringt, suggeriert drei (mindestens) Möglichkeiten: 1. Sie verstehen die Tragweite nicht und fassen nach eigenem Ermessen zusammen, oder 2. Sie verstehen sehr wohl und möchten eine Diskussion in Deutschland möglichst eingrenzen, oder 3. Sie bringen die verkürzte Version und überlassen es den klügeren sich an das Original zu wenden wenn sie wollen. Die verkürzte Version wird wahrscheinlich in und durch die Staatsmedien zirkulieren. Wir müssten auch genau schauen um zu sehen ob etwas ähnliches aus Frankreich / Macron zugeflüstert kommt.

    Zeitlich steht solch eine Beratschlagung von „Teilnehmer in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion“ unmittelbar mit dem Erdogan/Putin Meeting zusammen. Daraus gibt es eine Protokoll, hier in 2 Teile: 1. https://www.moonofalabama.org/images10/memo1.jpg und 2. https://www.moonofalabama.org/images10/memo2.jpg. Laut Punkt 3 im zweiten Teil werden ab 15.03 die Autobahn M4 von Trumba (2 km von Saraquib) nach Ain-Al-Hayr von kombinierten russischen und türkischen Militärs patrouilliert werden. Da sind noch Jihadis in Position: also werden Russen zusammen mit türkischen Militärs die Kämpfer von der Bevölkerung „trennen“. Die Autobahn M5 wird nicht erwähnt. Verschiedene Analytiker schließen daraus, dass alle Geländegewinne der SAA auf der M5 von der Türkei zugestanden sind. Die Beobachtungsposten bleiben, dann aber ohne türkische Präsenz in Idlib. Mit den zwei Verkehrswegen unter Kontrolle, entfesselt sich die ganze Wideraufbaukraft Syriens. Damit ist „das Flüchtlingsproblem“ prinzipiell gelöst, aber nur prinzipiell, denn Assad muss die Bedingungen schaffen unter denen Syrer nach Hause kommen können… einschließlich gesicherter Fahrtwege für die Kinder, so dass sie zur Schule können. Und das – siehe Assads neuestes Interview mit dem russischen TV – ist ja schon anvisiert. Von daher stellt sich nicht nur die Frage, wo eine sogenannte Schutzzone errichtet werden soll, sondern warum und für wen?

    Darüber hinaus, Erdogan ist für Merkel nicht der richtige Ansprechpartner für solch eine Schutzzone, d.h. nicht in der Realität, doch vielleicht doch wohl als Kulissen-Thema: er hat darüber nicht zu entscheiden, das entscheidet Putin, besonders wenn es Probleme geben sollte an der M4, denn dann kämen die SAA um den Job der Räumung der Jihadis mit den Russen zu erledigen. Und ob eine Zone beaufsichtigt oder gar gesichert von einer „internationalen Gemeinschaft“ werden soll, darüber entscheiden Putin und Assad. Und wenn die beiden nicht zustimmen, gibt es keine militärischen Mittel die gegen ihren Willen die Zone durchsetzen könnte, zumal der US Deep State Gesandter Jeffrey mit seinem „all-in“-Versprechen schon auf die Schnauze gefallen ist.

    Damit komme ich zu Ihren Überlegungen über den schwammigen, diffusen Charakter der Meldung. Sie nehmen an, dass dieser Charakter der Meldung der Kanzlerin selbst einen Fluchtweg offen lässt. Das ginge einher mit der Annahme, dass die Kanzlerin selbst den „Leak“ veranlasst hat. Das ist möglich aber nicht notwendig. Es ist auch möglich, dass der Leak nicht von der Kanzlerin veranlasst wurde, sondern von einem hartgesottenen Transatlantiker (Norbert Röttgen käme dafür in Frage), einem der weiß oder vermutet, dass die Deep State Fraktion in Washington – wozu Jeffrey nun einmal gehört – Interesse daran hätte, zu erfahren, wann und ob die Kanzlerin die Realitäten der Lage anders sieht als sie und sich die Gelegenheit des Versagens des Plans, Russland und die Türkei auf Kollisionskurs zu bringen, nutzen will oder könnte.

    In dem Artikel (https://www.moonofalabama.org/2020/03/syria-ceasefire-in-idleb-erdogan-loses-on-all-points.html#more) woraus ich das zweiteilige Protokoll genommen habe, ist unten ein Bild von der Begegnung in Moskau, wo die gesammelten russischen und türkischen Begleitpersonen unter einer Statue von Katerina der Großen stehen, die mehrmals im 18. Jahrhundert die Türkei im Krieg geschlagen hat. Die meisten Kommentare die ich gesehen habe, wollen das Bild dahingehend interpretieren, dass es eine Botschaft an Erdogan sein soll. Genau wie die Worte der Kanzlerin ganz verschiedene Adressaten haben (haben können), je nach dem wer zuhört und wer was daraus macht, stelle ich die Frage, wer war wirklich der Adressat des Bildes der Statue von Katerina der Großen? Nehmen wir die Aussagen von Putin hinzu, als er sagte, das ein persönliches Treffen mit Erdogan unter 4-Augen notwendig geworden war, weil es nie wieder geschehen darf, dass Russland und die Türkei so nah an einem Krieg gegeneinander kommen, war die Inszenierung des Bilds nicht an Erdogan gerichtet. Die Adressaten wären dann einige Leute in der Entourage von Erdogan – die eine gesonderte Botschaft brauchten, die sie nicht hören konnten weil sie bei dem 4-Augen Gespräch nicht zugegen waren, und als Bild, auch adressiert an türkische Power-Spieler die nicht in Moskau waren – und auch die „Europäer,“ und natürlich auch der Deep State in den USA.

    So verstanden, wäre die Kanzlerin die erste (soweit wir jetzt wissen) von den „Europäern“, die die Botschaft sowohl empfangen und auch verstanden hat. Das passt auf geniale Art und Weise zum Profil der Kanzlerin: ihre Technik des Regierens ist die „Alternativlosigkeit“. Dass sie ihre eigene Ideen hat, dass sie es wagt, die westliche Politik (heißt Deep State Politik) zu kritisieren, darf nicht als Willkür ausgelegt werden, obwohl die Kanzlerin manchmal autokratisch und willkürlich die Alternativlosigkeit vorgaukelt, sondern das an-der-Kippe-zum-Russland-Türkei-Krieg-steht, bedeutet die Notwendigkeit die Politik zu ändern. Weder das Leben noch die Politik sind ein Wunschkonzert, und das kann die Kanzlerin dem Deep State in den USA, der ihr und Deutschland sehr empfindlich schaden kann, als Antwort geben, sollte der Deep State sich beschweren. Und das wird er,… Ohren auf, die Alarmsirene sind schon fast zu hören.

    Die Botschaft mit dem Bild der Statue von Katherina der Großen hatte auch andere Aspekte. – Sie zitieren Reuters: „In der CDU/CSU-Bundestagsfraktion habe Merkel weiter erklärt, dass Russlands Präsident Wladimir Putin keinen Vierergipfel mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan wolle, erfuhr Reuters weiter. Sie habe mehrfach ihre Bereitschaft zu einem solchen Treffen bekräftigt.” – Es kann sein, dass Sie oder andere Leser die Analogie mit multidimensionalen Schach nicht mögen. Trotzdem, wenn man zugehört hat, wie die „Außenpolitik-Experten“ geredet haben vor dem Erdogan-Putin Meeting, ging es immer darum, dass Europa eine Lücke oder Vakuum ausfüllen müsste weil Trumps USA sich aus den Nahenosten zurückziehen und, trotz Bekenntnissen zur NATO, auch eine Lücke in der NATO hinterlasse. Das war noch die Rede vor nicht allzu langer Zeit von Herrn Maas auf der Münchner Security Konferenz, als er sagte, es ginge darum, dass nicht hingenommen wird, dass Russland, die Türkei und Iran das Geschehen im Nahenosten bestimmen, sondern die Europäer müsste sich aufraffen und die Situation berichtigen. Immer wieder starke Wörtchen in den Wind gesprochen. Putin, meldete Merkel der Bundestagsfraktion, wollte kein 4er Treffen, nichts mit Teilnahme Merkels oder Macrons. Frankreich und Deutschland, als Sprachrohr für „Europa“, spielen nicht in der angemessenen Liga, sie hatten ihre eigene Situation gar nicht intellektuell erfasst.

    Sie erkennen nicht, mit Ihrer Interpretation, dass die Kanzlerin erkannt hat, dass sie von Russland nicht gebraucht wird … solange sie mit dem US Deep State spielt, und ohne zu erkennen, dass Russland nicht in die Falle gehen wird, eine Kollision mit Trump-USA zuzulassen. Ihrer Interpretation: „Wir sind bereit — mehr als es uns in der Vergangenheit möglich war -, zum Thema Syrien mit dem russischen Präsidenten ins Gespräch zu kommen.“ Die Tür ist zu, die Russen gewinnen Kriege, im Gegensatz zu den Deutschen. Sie zitieren Reuters: „Merkel kritisierte den Angaben nach die Syrien-Politik des Westens. Es habe sich gezeigt, dass ein von außen initiierter Wechsel der Regierung nicht möglich sei. Der Krieg habe nur zu einer Radikalisierung geführt.” Dieses Zitat widerspricht Ihrer Interpretation, und es widerspricht Maas auf der Münchener Security Conference: mit diesem Zitat geht die Kanzlerin zwar nicht in die Knie vor Putin. Sie hat aber den Luxus nicht mehr, gnädig zu sein, so nach dem Motto, „Wenn die Russen sich benehmen, willigen wir ein mit ihnen mal zu diskutieren… unter unseren Bedingungen… mit unseren Werten, glaube ich, dass wir gewinnen.“ Sie gibt nicht mehr vor, den Hebel in der Hand zu haben. – Alarm, Alarm. Deep State verliert Deutschland.

    Sie zitieren Reuters weiter: „Erdogan habe mehrfach gesagt, dass er zufrieden mit der europäischen und internationalen Hilfe für sein Land sei. Die Lage sei jetzt kompliziert, weil Russland und die syrische Armee gemeinsam vorgingen. Die Türkei habe die Aufgabe gehabt, islamistische Kämpfer zu entwaffnen. Dies sei kaum zu schaffen.” – Obwohl die Kanzlerin manchmal Kauderwelsch redet, das hier hat sie (fast) garantiert nie so gesagt, besonders nicht in der Reihenfolge. Die europäische / internationale Hilfe für die Türkei hat nichts mit der komplizierte Lage zu tun, die deswegen kompliziert wurde ,nicht weil es die Aufgabe der Türkei gewesen wäre, islamistische Kämpfer zu entwaffnen, sondern weil es der Türkei nicht gelungen ist, „Oppositionelle“ von islamischen Kämpfern zu trennen. Wer die Waffen niederlegt, kann eine politische Stimme im Staate Syrien haben. Wer die Waffen nicht niederlegt, ist Terrorist und wird nicht geduldet: er kann sterben oder fliehen. Dass „der Westen“ die Lage anders sah,… die Sichtweise ist gestorben.

    Die Worte, „Dies sei kaum zu schaffen,” könnten wohl von der Kanzlerin stammen, doch dann stammen sie von jemandem, der / die nicht weiß oder nicht anerkennt, dass die Syrer genau das überall sonst doch geschafft haben. Die Realität der Komplikation ist, dass Erdogans muslimische Bruderschaft Anhänger sich nicht entwaffnen ließen, und dass der USA Deep State es nicht zuließ, dass Erdogan politisch mit seinen Anhängern zu Rande kommen konnte. Solange HTS, zum Beispiel, sich die Unterstützung der USA sicher fühlte, gab es keinen Grund für Erdogans sonstige Fraktionen in Idlib die Waffen zu strecken. Und Jeffrey sicherte HTS die Untersetzung zu, und prahlte damit in Erdogans Umgebung in Ankara. Auf dieses amoklaufende Tier hat Erdogan geritten, nicht alleine weil er keine Wahl hatte (Alternativlosigkeit), sondern weil die ganze Aktion sich als Bumerang erweisen musste. Dass Jeffrey nur heiße Luft geblasen hat, haben die Kämpfer nicht erkennen können bis es fast zwischen Russland und der Türkei knallte. Die Situation jetzt schafft Klarheit für die Kämpfer und ein Waffenstillstand mit Terroristen gibt es nicht. Mal sehen wer sich jetzt “trennen“ möchte.

    Dass Erdogan die Trennung der politischen Opposition von islamischen Kämpfer nicht schaffte, lässt sich nicht alleine darauf zurückführen, dass er die Trennung nicht wollte. (Ich weiß ja schon, dass man Gegenteiliges von Erdogan zitieren kann, nur alles was Erdogan zu Hause sagt, hat sein eigenes Publikum im Visier, und damit ist es kein zuverlässiger Spiegel der wirklichen Politik.) Wie gesagt: Die Politik ist kein Wunschkonzert und Erdogan hat es nicht geschafft. Wladimir Putin war offenbar lange davon überzeugt, dass Erdogan die Trennung wollte, und es gab detaillierte Gespräche darüber, und so war Putin lange geduldig. Das gemeinsame Vorgehen der Syrer und Russen dann gegen Idlib gründete also nicht auf Wunschkonzert-Willkür, sondern es wurde notwendig. Durch das Trump-Signal des Abzugs aus dem Nahen Osten wurde das Vorgehen auch möglich, auch wenn Trump immer wieder forderte, dass die Operation gestoppt werden soll: es folgten keine Taten, die die Forderung unterstützten. Trump ließ Jeffrey spielen, verweigerte ihm aber alle Mittel, die unabdingbar wären um das Spiel erfolgreich zu Ende zu bringen.
    Immerhin, die Tatsache, dass Erdogan sehr viel Kriegsgerät nach Idlib schickte, sorgte im Ergebnis dafür, dass die Ränge der islamischen Kämpfer, die darauf hüpften und sich dachten, sie würden regelrechten Krieg gegen Syrien und Russland führen, erheblich ausgedünnt wurden, und dass die Anzahl von Kämpfer die noch in Idlib eingebuddelt sind, wahrscheinlich jetzt auch erheblich geringer ist. Wie es in Idlib wirklich aussieht, werden wir erst erfahren wenn die Syrer die Stadt selbst befreien. Das wiederum ist für Erdogan eine weitere Komplikation, weil seine musischen Bruderschaft Anhänger zu Hause nicht dumm sind, und sie werfen ihm Verrat vor, und das wiederum spielt dem US Deep State in die Hände, der noch nach Hebeln sucht, einen zweiten Coup gegen Erdogan zu starten. Und sollte das geschehen, werden die Leute die Hände ringen um eine humanitäre Flüchtling-Katastrophe, ein Kataklysmen erleben.

    Der wirkliche Feind der Türkei, und im Moment damit auch von Erdogan, ist der US Deep State. Während die Worte der Kanzlerin höchst wahrscheinlich verzerrt wiedergegeben wurden, ihre Haltung gegenüber der Türkei sagt aus, dass sie das versteht. Diejenigen, die auf „Erdogan erpresst Europa“ reiten, verkennen die Lage oder sie begeben sich freiwillig in die Hände des Deep States als Marionetten. Damit spiegelt sich fast die jeweilige Situation der Türkei und Deutschlands, die Schlinge der Notwendigkeit zieht sich zu und gescheite Leute werden genau die Entwicklungen des Trump Kriegs gegen den-Deep State beobachten.

    Zum Schluss etwas interessantes aus dem Bornheim ARD-Tagesschau Werk: Gestern führte ARD ein Interview mit einer Figur deren Gesicht man nicht sah, deren Stimme verstellt wurde, ein „syrischer Flüchtling“ (vielleicht Bornheim selbst?… ach, vergiss es, war nur ein Scherz) der beteuerte, dass er auf keinen Fall nach Syrien zurück wolle. Alle möglichen Flüche gegen Assad wurden geschleudert. – The times they are a‘ changin… sang mal Bob Dylan.

    1. Bezüglich der diplomatischen Rolle der Auswahl der Raumauschmückung fokussiert MoA m.E. viel zu sehr auf die negative Botschaft „gegen jemanden“ als auf die sehr wohl auch enthaltene positive Botschaft. So ist es allgemein bekannt, dass Katharina II. eine deutsche Prinzessin war – man betont also die gemeinsame europäische Geschichte und Erfolge, die aus der DE-RU Kooperation entstanden. Ähnlich die Miniatur aus den Balkankriegen, ja klar, die wurden gegen das osmanische Reich geführt, aber die Botschaft geht doch auch an Bulgarien, Serbien etc., denen Russland hier die Unabhängigkeit als Nationalstaaten brachte – auch dies ein Verweis auf gemeinsame europäische Geschichte, vermutlich kann man auch die Rolle von Russland als Schutzmacht in der Region sehen.

  3. Die Sensibilität von Analysen ist stets abhängig von der Gegebenheit umfassender Einblicke. In Anbetracht dessen, dass kaum jemand von uns bei allen Gesprächen der weltweiten Front und Hinterzimmer-Akteure anwesend war/ist, verdeutlicht es den Aufwand, die Mühe und die Anstrengung möglichst keinen kleinen Schnipsel an Informationen zu übersehen. Darauf hin dann die vielfältigen Abwägungen, wie bei einem Flussdiagramm. Und am Ende kommt ein so trefflich guter Artikel heraus. Das sollte auch einmal erwähnt werden.

    Ums nicht zu versauen, eine Anregung an Personen mit dem Faible für Spiele. Wer macht sich die Mühe des Think-Tank-Spieles? Zu glauben ein Erdogan, eine Merkel, ein sogenannter Deepstate, ein Trump, ein Jeffrey, eine dt. Partei, wer auch immer würden auf eigene Faust, mit eigenen Ideen wie wilde Köter auf diesem Planeten Ihre Spielchen treiben, ist fern jeglicher Realität. Der Aktionsrahmen ein jeder teilnehmenden Person ist sehr, sehr eng gesteckt. Für Planspielchen sind Think-Tanks zuständig. Das sind die eigentlichen Geburtsstätten weltweiter Perversionen.
    Wenn wir also wirklich etwas ändern wollen, dann braucht es ein Think-Tank Brettspiel oder PC Spiel mit allen aktiven Think-Tanks und deren Frontrunnern. So realitätsnah wie möglich, so wertvoll für Analyse-Erkenntnisse.

    Am Ende oder während des Spiel entdecken wir die wertvollste Idee, wie wir diesem Knäuel an Perversionen den Stecker ziehen, den Boden unter den Füßen wegziehen, den Nährboden austrocken. Oder wollen wir weiterhin versuchen Schnipsel zu einem Bild zusammen zu fügen wie bei einem großen Bild-Puzzle? Oder dem Designer und Hersteller die „Macht“ aus den Händen zu nehmen?

    just an idea 🙂

  4. Wieder einmal vielen Dank für die hervorragende Arbeit! Überrascht hat mich am Ende dieser Teil, der in den eigentlichen Kontext gebettet ganz anders verstanden wird:
    „Die Türkei habe die Aufgabe gehabt, islamistische Kämpfer zu entwaffnen. Dies sei kaum zu schaffen.”

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