Ein Journalist schämt sich

Der Journalist Harald Wiesendanger schämt sich seines Berufsstandes.


Seit über 35 Jahren arbeite ich als Wissenschaftsjournalist, mit Schwerpunkt Medizin. Jederzeit konnte ich dazu stehen, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Falls jedoch das, was Massenmedien in der Corona-Krise nahezu geschlossen abliefern, noch als „Journalismus“ durchgeht, so will ich damit nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun haben. Falls das, was sie sich als „Wissenschaft“ verkaufen lassen und unverdaut an ihre Zielgruppen weiterreichen, durchweg Wissenschaft ist, so räume ich schleunigst mein Arbeitsgebiet.


Vorabhinweis: Dieser Artikel wurde von der Online-Plattform Rubikon übernommen (1).

Mit blankem Entsetzen und ohnmächtiger Wut verfolge ich das unwürdige Treiben gestandener Berufskollegen: vom Redakteur beim Nachrichtenmagazin über den „Tagesthemen“- und „Heute“-Moderator bis hin zum Mitarbeiter der Presseagentur, zum Rundfunkplauderer, zum Social-Media-Texter, zum Talkshow-Gastgeber.

Ungefiltert bringen sie offizielle Horrorzahlen unters Volk, ohne zu hinterfragen, wie diese überhaupt zustande kommen; wie sie ausgewertet werden; was sie eigentlich besagen; wie es um andere Zahlen steht. Sie machen im Eilverfahren zugelassene, mangelhaft überprüfte Tests wichtig und notwendig, ohne zu beleuchten, was diese überhaupt messen; was aus ihnen folgt und was nicht; wie hoch die Fehlerquote ist; wer von ihrem Masseneinsatz profitiert.

Sie schocken mit dem jüngsten Corona-Exitus, der allerneuesten, noch haarsträubenderen Todesstatistik, ohne auch nur in einem einzigen Fall nachzuforschen, woran die Betroffenen denn eigentlich gestorben sind. Wer mit dem Virus stirbt, tut es stets DESWEGEN? Wer seine Leser/Zuschauer derart kurzschließen lässt, könnte ihnen ebensogut weismachen, Wasser sei ein Superkiller, weil ein H2O-Test garantiert bei jeder Leiche positiv ausschlagen würde.

Diese „Jahrhundert-Pandemie“ an früheren Grippewellen und WHO-Fehlalarmen zu messen, kommt so einer Journaille nicht in den Sinn. Wild spekuliert sie über Corona-Befall von Promis wie Merkel und Johnson, sobald diese ein wenig niesen, hüsteln und fiebern — jede banale Erkältung darf neuerdings „Breaking News“ produzieren, so weit sind wir schon. Jeder Tote starb am Killerkeim, solange sein Ableben noch Fragen aufwirft (2).

Untereinander wetteifern Journalisten wie von Sinnen um den gruseligsten Schnappschuss, die herzzerreißendste Corona-Tragödie, das alarmierendste Experten-Statement. Wie selbstverständlich leisten sie Beihilfe zur Unterdrückung von abweichenden Meinungen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, seid ihr noch ganz bei Trost? Kaum einer von euch wagt es, an den Säulenheiligen vom Robert-Koch-Institut und der Charité zu kratzen. Kaum einer hört sich die wohlbegründeten, sachlichen Bedenken vieler Ärzte und Wissenschaftler an, die der Corona-Hype befremdet, ja entsetzt — und wenn doch, mangelt es euch anscheinend an der Courage, das Gehörte an die große Glocke zu hängen. Keiner wundert sich, weshalb sich freie Bürger, bloß weil sie einer „Risikogruppe“ angehören, wie Unzurechnungsfähige gängeln lassen müssen — als ob sie nicht auf sich selber aufpassen könnten. Leben ist stets lebensgefährlich, erst recht am Lebensabend.

Welche gesundheitlichen Risiken Opa in Kauf nehmen oder vermeiden will: Sollte das nicht ihm überlassen bleiben, wie Rauchen und Alkoholkonsum, Bewegungsmangel und minderwertige Ernährung? Kein Journalist fragt, warum plötzlich anders verfahren werden muss als bei früheren Grippewellen, die zuverlässig kamen und gingen, wobei sie alljährlich für Millionen Infizierte und Zehntausende Tote sorgten, ohne dass ein Hahn danach gekräht hätte. Keinem scheint aufzufallen, dass die vermeintliche „Lösung“ schon jetzt weitaus schlimmer ist als das Problem.

Keiner will wissen, weshalb es Aufrufe zu verstärkter Hygiene, besonderer Vorsicht und Rücksichtnahme nicht genauso getan hätten wie vor 2020. Keiner recherchiert, wer den blutigen Medizinlaien am Kabinettstisch der Bundesregierung eigentlich all die apokalyptischen Infos und Lageanalysen gesteckt hat, die ihnen einen Notstandsaktionismus „alternativlos“ erscheinen lassen; mit wie vielen und welchen Lobbyisten sie vor und während der Krise worüber gesprochen haben.

Kaum einer traut sich, auch nur das schüchternste Fragezeichen hinter irgendeine Infektionsschutzmaßnahme zu setzen. Keinen beschäftigt, ob es irgendwem nützen könnte, dass die Krise für möglichst große Massenpanik sorgt und sich in die Länge zieht. Keinen beschleicht das ungute Gefühl, dass er sich gerade instrumentalisieren lässt — als Handlanger in einem Thriller, dessen Story sich mit der Präzision eines Uhrwerks entfaltet, nach einem Drehbuch, das womöglich schon vor Wuhan geschrieben war. Und … und … und.

Wie ein Berufsstand, der als unabhängige, kritische, unvoreingenommene Vierte Gewalt die Mächtigen kontrollieren soll, ebenso blitzschnell wie nahezu einmütig derselben kollektiven Hysterie erliegen kann wie sein Publikum und sich für Hofberichterstattung, Regierungspropaganda, expertengläubige Vergötterung der Heiligen Kuh Wissenschaft hergibt: Das ist mir unbegreiflich, es widert mich an, ich habe genug davon, ich distanziere mich voller Fremdscham von dieser unwürdigen Performance.

Wahrhaftigkeit und sorgfältige Recherche; Schutz der Ehre und Achtung der Würde von Menschen — auch solcher, die abweichende Meinungen vertreten; das Gegenchecken jeder Informationsquelle, egal wie glaubhaft sie auf den ersten Blick erscheinen mag; das Vermeiden sensationeller Darstellungen, die überzogene Hoffnungen oder Befürchtungen wecken könnten: All das zählt zu den obersten Geboten jedes Pressekodex.

Den Angriff von SARS-Cov-2 scheint, ein knappes Vierteljahr nach Beginn der Pseudo-Pandemie, keines zu überlebt zu haben, zumindest nicht in den infizierten Hirnen derer, für die sie gelten sollten. Wo hält zur Zeit eigentlich der Presserat seinen Tiefschlaf? Neben der eingepennten parlamentarischen Opposition?

Wenigstens einer traut sich noch, den Finger in die klaffende Wunde zu legen: der deutsche Medienwissenschaftler Otfried Jarren, bis Ende 2018 Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich und Präsident der Eidgenössischen Medienkommission in der Schweiz. Scharf kritisiert er im Pressedienst „epd medien“ das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Seit Wochen treten immer die gleichen Experten und Politiker auf, die als Krisenmanager präsentiert würden, so Jarren (3).

Dadurch inszeniere das Fernsehen zugleich Bedrohung und exekutive Macht — und betreibe „Systemjournalismus“. Kritiker bleiben außen vor. Vor allem der Norddeutsche Rundfunk falle ihm durch eine „besondere Form der Hofberichterstattung“ auf.

„Die Chefredaktionen haben abgedankt“, folgert Jarren. In der Berichterstattung vermisst er „alle Unterscheidungen, die zu treffen und nach denen zu fragen wäre: Wer hat welche Expertise? Wer tritt in welcher Rolle auf?“ Gesendet würden zudem größtenteils einzelne Statements, eine echte Debatte zwischen Experten, die gegensätzliche Standpunkte und Aspekte einbringen könnten, finde nicht statt.

Wie gleichförmig die Berichterstattung über das Coronavirus daherkommt, fällt zumindest dem Medienjournalisten Andrej Reisin unangenehm auf. Im Portal Übermedien kritisiert er, auch in Krisenzeiten sei es nicht die Aufgabe der Medien, den verlängerten Arm der Regierung zu spielen und Kampagnen à la „Wir gegen das Virus“ zu inszenieren, wie es etwa die „Tagesschau“ in sozialen Medien getan habe (4).

Im Deutschlandfunk forderte die Medienjournalistin Vera Linß, im Zusammenhang mit der Bekämpfung des Coronavirus die Themen Überwachung und Datenschutz stärker in den Fokus zu rücken. Auch Linß bemängelt, dass sich viele Journalisten momentan anscheinend dazu verpflichtet fühlen, die Krisenstrategie ihrer Regierung weitgehend kritiklos zu transportieren — „als eine Art Service-Journalismus“ (5).

87 Jahre ist es her, dass in Deutschland aus Journalisten „Staatsdiener“ wurden. Reichspropagandaminister Goebbels hielt dafür ein ausdrückliches „Schriftleitergesetz“ für erforderlich. In der Corona-Krise, wie zuvor bei Themen wie Masernimpfzwang oder der Existenzberechtigung von Heilpraktikern und Homöopathen, stellt sich indes am laufenden Band heraus: Die Medien des 21. Jahrhunderts spuren offenkundig auch ohne Paragraphendruck. Die Schere im Kopf war schon immer die schärfste.

Nachtrag vom 31. März: Ermutigt vom enormen Echo auf diesen Artikel, bot ich ihn vier Printmedien an, denen ich noch am ehesten zugetraut hätte, ihn zu übernehmen: Frankfurter Rundschau, taz, Der Spiegel, Die Zeit. Reaktionen? Null. Nicht einmal Absagen. Bloß Schweigen.


Anmerkung und Quellen

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Harald Wiesendanger, Jahrgang 1956, ist Psychologe, Soziologe und ist in Philosophie promoviert. Er hat seit Ende der 1980er Jahre über 50 Bücher veröffentlicht, überwiegend zu psychologischen und medizinischen Themen, neben mehr als 3.000 Artikeln in Zeitungen, Zeitschriften und Internetportalen. Er ist Gründer und Vorsitzender der Stiftung AUSWEGE.

(1) 10.04.2020; Harald Wiesendanger; https://www.rubikon.news/artikel/ich-schame-mich

(2) t-online, 29.3.2020. „Lebensgefährte von Klaus Wowereit gestorben — Infektion mit Coronavirus?“

(3) https://www.epd.de/ueberregional/schwerpunkt/medien/experte-kritisiert-gleichfoermige-corona-berichterstattung; abgerufen: 10.04.2020

(4) 17.03.2020; Andrej Reisin; https://uebermedien.de/47188/corona-krise-staatsraeson-als-erste-medienpflicht/

(5) 21.03.2020; Vera Linß; https://www.deutschlandfunkkultur.de/journalismus-in-der-coronakrise-berichten-die-medien-zu.1264.de.html?dram:article_id=473101

(Titelbild) Regen, Tropen, Scheibe; Autor: Joshua_seajw92 (Pixabay); 28.02.208; https://pixabay.com/de/photos/regentropfen-wolke-fenster-feucht-3216607/; Lizenz: Pixabay License

 

5 Kommentare

  1. Die Fremd-schäm-Periode. So wie sie kommt, geht sie auch wieder. Das Fremdschämen aber wird bleiben. Ärzte mit stolzen 6 Jahren Grundwissen in Universitäten eingebläut schämen sich fremd über die mediale Präsenz von noch immer mit Doktorwürde und ohne Berufsverbot belegten Narrativ-Schandmäulern, welche täuschen und sogar lügen.

    Un-studierte Menschen, der Bürger mit gesundem Menschenverstand steht vor einer Wand, der er nicht mehr glauben kann. Kein Wort mehr. Eine geschlossene Wand aus Medien, Politikern, Konzernsprechern und Situationsaasgeiern.

    Gestern wurde einer Bekannten ein Bußgeldverfahren eröffnet. Ihr Verbrechen? Sie spielte mit ihren 3 Kindern in ihrem Mieterblock-Hof 20x30m groß. Bewusst, vorsätzlich teilten sich zwei Familien mit Kindern jeweils die entfernteste Ecke des Hofes. Ein besorgter Denunziant rief bei der Sorgentelefonnummer an, meldete das Verbrechen und die Polizei schritt wagemutig ein. Beide Familien trugen sogar Masken. Und dennoch sahen beide Polizisten keinen natürlichen Grund mit richtigem Augenmaß, gesundem Menschenverstand, mit Sinn vor zu gehen. Es wurden beide Familien via Personendaten im System aufgenommen und Bußgeldverfahren eingeleitet.

    Derweil wird nach Orwell-App, Impfzwang und Bundeswehr in Gesundheitsämter gebrüllt.

    Die Bürger wenden sich gerade ab. Mehr und mehr Bürger wenden sich gerade von diesem gesamten System ab. Und jeder Uniformierte, ganz gleich welches Staatsvereins, wird sich jede Minute die Frage stellen müssen, bin ich Bürger oder Lakai.

    Journalisten müssen das auch fragen. Denn es wird kippen, die Stimmung und wer weiß ob es brennen oder einfach nur wegdrehend sein wird. In Westeuropa sind über 50 Menschen bewaffnet auf die Straße gegangen, weil die Polizei im Jagdfieber einen 19 Jährigen zur Tode gejagt hat.

    Es genügt ein Streichholz …

  2. Hallo,

    Dieser Artikel ist leider kontraproduktiv, weil er eine Zeitgeistmode nicht berücksichtigt:
    Heutzutage ist es wichtiger, woher eine Meinung kommt als Inhalt und Form der Meinung.

    Ich halte persönlich die Ausführungen des Journalisten für nahezu vollständig nachvollziehbar und vernünftig.

    Aber die meisten Menschen werden erstmal nach dem Namen googeln und dann Herrn Wiesendanger in die Ecke „esoterischer Spinner“ stellen. Und ich befürchte, das würde selbst dann passieren, wenn er 2+2=4 sagt.

    1. Nunja – wenn auch Alternativmedien sich an die verordnete Einengung des Meinungsspektrums halten würde und vom Mainstream stigmatisierte Personen auch aussperren würde – was wäre dann gewonnen?

      Sie schlagen übrigens eine Art Manipulation vor: man müsse so oder so vorgehen um „produktiv“ und also erfolgreich zu sein. Finden Sie das tatsächlich richtig?

      1. Hallo Herr Storz,

        Mein Beitrag löst bei Ihnen Kritik aus, und ich stimme Ihnen eigentlich sofort zu….. wenn da nicht folgender Pferdefuß wäre:
        Vorweg, mich stört nicht , dass der Journalist sich mit spirituellen Heilungsmethoden befasst, im Gegenteil würde mich sogar interessieren, wie er da heran geht u. s. f.
        Aber es gibt hier einen Aspekt, den nenne ich „kontextgerechte Vermittlung“ und dazu gehört nun einmal auch, wie die Adressaten verfasst sind.
        Wenn diese
        – genau den Unterschied zwischen einem inhaltlichen, methodischen oder logischen Einwand kennen
        – wissen, dass logische Inkonsistenz nichts mit einem subjektiven Meinen zu tun hat
        – begreifen, dass die Stimmigkeit einer Aussage in inhaltlicher, methodische und logischer Hinsicht nicht davon abhängig ist, wer es sagt
        – wissen, dass Mehrheitsmeinung, die auf einem Fehlschluss beruht, falsch ist
        – um die Bedeutung von einem offenen Meinungs- und Methodendiskurses wissen

        Wir also dies alles idealtypisch bei den Adressaten voraussetzen können, gebe ich Ihnen sofort Recht.

        Wobei wir dann wohl nicht in der jetzigen Situation wären.

        Ich hatte schon mehrfach Schwierigkeiten, jemandem den Unterschied zwischen einem Einwand aufgrund einer Meinung und einer methodenlogischen Kritik zu erklären.
        Vielleicht verstehen Sie nun ein wenig, warum ich so auf den Artikel von Ped reagiert habe. Ich selber halte die Ausführungen für richtig und Herrn Wiesendanger für integer und hätte unter anderen Situationen auch gar keine Schwierigkeiten mit dieser Quelle.
        Schön ist das natürlich nicht, das ist mir klar.
        Aber vielleicht sehen Sie das ja dennoch anders.

  3. Wir sind 8Mrd und halten im Schnitt 70 Jahre durch, folglich sterben von uns 300.000, TÄGLICH, gegen Ende des Winters mehr. Seit die VR China die anderen Staaten dazu zwingt, zu verzeichnen, also seit 108 Tagen, sind 130.000 MIT dem neuen Virus verschieden. Eine Pandemie ist eine globale Krankheit, was ist heute nicht global ?

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