Blick hinter das Säbelrasseln der Russophoben

Eine Lesermeinung zu US Defender Europe 2020.


Die immer größeren Ausmaße des medialen und militärischen Säbelrasselns gegenüber einem „fiktiven Feind“ der NATO zeigen auch bedenkliche psychologische – nun ja, sogar pathologische Auffälligkeiten. Auf der anderen Seite gibt es die Möglichkeit, zwischen den Zeilen zu lesen, wenn es um Aussagen politischer Verantwortungsträger zum aktuellen Großmanöver der US-Amerikaner geht. Auf diese möchte unser Leser GeorgeG in seiner Reflexion auf den Beitrag „Bitterernste Kriegsspiele“ aufmerksam machen.


Einige Aspekte von US Defender Europe 2020 (Defender 2020) verdienen es meiner Meinung nach gesondert erwähnt zu werden.

Zu der Übung selbst:

  1. Das explizite, gleichzeitig aber etwas vage „Szenario“ für die Übung, ist ein „russischer Überfall“ wie Ukraine/Krim 2014, also PR-mäßig (a1) eine Demonstration der Abschreckungsfähigkeit der NATO gegen solche Geschehnisse. Ich möchte das für jetzt nur so stehen lassen, nicht natürlich als Zeichen dafür, dass ich etwas davon glaube.
  2. Die Verschwommenheit des Szenarios für dieses Manöver ist bewusst und mehrdeutig. Es wird kein spezifisches anderes „Opfer“ für „russische Aggression“ in der Planung festgelegt.

Lt. Gen. Chris Cavoli, U.S. Army Europe Commander, bei der alten Reforger Übung (a2), beschrieb das Szenario zu Ort und Gegner bei einer Verteidigung als:

a very-known location against a force that we all understood very well

zu deutsch:

[in] einer wohlbekannten Gegend gegen eine Kraft die wir alle gut verstanden

Es waren die alten, völlig abwegigen „Fulda Gap“ Szenarien (1)

The only thing we didn’t know was what time it was going to happen.

zu deutsch:

Das Einzige, was wir nicht wussten, war der Zeitpunkt, an dem der Angriff geschehen würde.

Jetzt aber, bei Defender 2020, heißt es:

We don’t know what we’ll have to deter or even defend against

übersetzt:

Wir wissen nicht, was wir gegen wen zu verteidigen haben.

Das sollte man sich etwas genüsslich auf der Zunge zergehen lassen: Gut, der Gegner ist Russland, so viel ist klar. Aber wie eine Fantasie-Aggression Russlands aussehen würde, das heißt wogegen eine Abschreckung wirken soll, … das wissen sie nicht. Sie planen so etwas nicht ein, und von daher was die Russen aufbieten würden, sollten sie eine Aggression vor haben, das heißt, wogegen man sich verteidigen müsste, … das wissen sie auch nicht oder sie planen nichts ein, was Erkenntnisse zu den russischen Fähigkeiten voraussetzen würde.

Diejenigen die mit etwas Humor ausgestattet sind, werden vielleicht erkennen, dass die NATO bei dieser gigantischen, Multi-Domänen-Übung, hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt sein wird, und wer dabei an etwas Anrüchiges denkt … na, ja, die Gedanken sind frei.

Das ist aber ganz typisch für die NATO-Militärs. Sie sind nun einmal noch nicht bereit für den großen Kampf auf „peer to peer“ Basis, also unter Gleichwertigen. Die militärische Überlegenheit ist weg. Krieg führen gegen Gaddafi … das war in den guten alten Tagen, viel einfacher. Nichts musste man wissen (a3).

Fazit: die NATO ist nicht bereit Krieg zu führen. Sie kann den Gegner in einem Planspiel nicht einplanen. Dafür braucht man einen echten Kriegsschauplatz, und die Amerikaner haben einiges über die Russen in Syrien gelernt. Nur, selbst dort, zeigen die Russen nicht alles was sie können. Wenn man aber, wie anscheinend in dieser Defender 2020 Übung, nicht bereit oder fähig ist, zu zeigen was man kann, ist es schwer einzusehen, woraus der Eindruck einer Abschreckung entstehen soll. Es gibt eine Kluft zwischen PR und Realität, die unüberbrückbar ist.

Die Übung soll von daher nur die multi-domäne Koordinierung der diversen Teilstreitkräfte der diversen Länder „testen“ und zwar mit Einsatz neuer Technologien der US-Amerikaner. Politisch soll die Übung die Gemüter besänftigen, die etwas in Aufruhr gekommen sind, angesichts Trumps Äußerungen, den Artikel 5 des NATO-Vertrags – der „freiwillig“ ist, beziehungsweise von den jeweiligen Möglichkeiten der entsprechenden Länder abhängig ist (2,3) – in Frage zu stellen. Angesichts dieser oben beschriebenen Konstruktion der Übung, möchte ich dem Politiker begegnen, der mir mit nichtverzogenem Gesicht versichert, dass er an diese politische Wirkung glaubt. Es ist wie in der Wissenschaft, ein fehlgeschlagenes Experiment kann sehr lehrreich sein.

Trotzdem, bei dieser oben beschrieben Konstruktion der Übung wäre es keine Überraschung – müssen wir aber abwarten, täglich TASS, Sputnik, russische MOD Erklärungen verfolgen –, wenn die NATO-Kräfte merken, dass, obwohl sie nicht wissen, gegen was oder wen sie unterwegs sind, sie auf dem Übungsplatz nicht ganz alleine sind. So wie bei der letzten Marine-Übung, in der die Norweger eine nagelneue Fregatte in den Küstensand gesetzt hatten, kamen die Vorwürfe hoch, dass die Russen das Navigationssystem elektronisch gestört hätten, das wurde aber etwas später korrigiert: es war doch nur Inkompetenz.

Je nachdem was die NATO Kräfte veranstalten, könnten sie durchaus einige „Bewusstseinserweiterungspillen“ von Russland verabreicht bekommen. Eines werden die Russen sicherlich machen: Sie werden alle Pannen der NATO Kräfte peinlichst beobachten und aufzeichnen. Wenn die Amerikaner ihre neuen Technologien testen wollen, wäre zu erwarten, dass – seien wir erstmal gnädig – 50 % nicht funktionieren.

Soweit einige Gedanken die eine gewisse Besonnenheit kombiniert mit Aufmerksamkeit vielleicht unterstützen. Doch auf der politischen Seite hat Edmund Stoiber einige interessante Punkte in einer Talk Show vorgebracht, von der Sputnik-DE berichtet hat. Erstens: Defender 2020 sei „nicht konfliktträchtig“. Zweitens: Deutschland wolle „eine Stimme der Vernunft in Europa sein.“ Drittens: Deutschland / Europa müssen eine Politik gegenüber Russland verfolgen, die Russland nicht weiter in die Arme Chinas treibt (4).

Hört man sich etwas herum, wird man feststellen, dass der dritte Punkt eine Art feststehende Redewendung in der deutschen „Elite“ geworden ist. Unter einigen Annahmen kann man zwischen den Zeilen lesen. Die erste Annahme wäre, dass Stoiber nicht dumm ist: er weiß (vermutlich), dass die russisch-chinesische Zusammenarbeit bereits vor dem Maidan 2014 auf der Ebene der obersten Führung beschlossen worden war. Doch, wie überall in der Welt und in großen Organisationen, heißt das noch lange nicht, dass der Apparat, die Bürokraten – sowohl in Russland als auch in China – sofort den „Klack„ mit den Fingern oder „Klick“ mit der Maus hörten und sich beeilten, die Anweisung in Taten umzusetzen.

Der Maidan 2014 hat die Realisierung der schon beschlossenen Politik immens beschleunigt, das stimmt ohne Frage, er war nicht der Anfang der Politik. „Der Westen“, das heißt, der transatlantische Deep State, weiß das und schwitzt mächtig, über die unschlagbare Zusammenarbeit zwischen Russland und China. Es ist das Läuten der Todesglocke der für die ganze westliche Geopolitik. Stoiber und, implizit, die deutsche „Elite“ sind jetzt auf die Linie eingeschworen worden, dass man „im Westen“ diese Albtraum nicht weiter reizen sollte.

Doch Stoiber weiß auch (vermutlich), dass die Zusammenarbeit zwischen Russland und China durch nichts, durch keine „Wende“ in der westlichen Politik, rückgängig zu machen ist. Und das werden natürlich die transatlantischen Deep State Leute auch wissen, und aus dem Grund sind wir zurück in dem Politik-Spiel, wo einstige „Partner“ Deutschlands, Deutschland nicht mehr vertrauen. Implizit hieße Stoibers Einsicht, „nicht weiter in die Arme Chinas treiben“, dass die deutsche Politik auf solche Übungen wie Defender 2020 genau aus dem Grund verzichten soll. Das wird Stoiber nicht gerade jetzt sagen können, und das wird auch die regierende deutsche Politik nicht tun. Das heißt aber nicht, dass Deutschland unentrinnbar in der Vasallenrolle gefangen ist.

Das sage ich so, denn meiner Meinung nach befindet sich Deutschland auf einem Weg raus aus dem Vasallentum heraus. Zumindest sehe ich, dass dieser Weg seitens der „Elite“ beschlossene Politik ist. Die Realisierung ist dann – wie im Falle Russlands und Chinas – ein Prozess, und aus dem Prozess und genauer Beobachtung der „Züge“ auf dem Schachbrett, möchte ich lernen. Damit komme ich zum zweiten Punkt Stoibers: Deutschland wolle eine Stimme der Vernunft in Europa sein.

Wieder zwischen den Zeilen beziehungsweise Worten gelesen, aber nicht wirklich so tief dazwischen: Wenn Deutschland eine Stimme der Vernunft sein will, gibt es implizit unvernünftige Stimmen, die jedoch ganz diplomatisch nicht genannt werden, die aber Deutschland eindämmen soll.

Auf jeden Fall unvernünftig wäre es, eine hoffnungslose Konfrontation mit Russland zu versuchen und so aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit „Russland in die Arme Chinas zu treiben“. Selbst die Transatlantiker müssen Stoiber recht geben, weil klammheimlich — Übungen hin oder her — wissen sie, dass die NATO oder „der Westen“ keine Konfrontation mit Russland überlebt – das nenne ich hohe Kunst. Wenn man Stoibers Worte nur logisch denkt und weiter denkt, melkt man aus den Worten sehr viel, das er nicht explizit sagen möchte. So ist es nicht schwer auf die Namen zu kommen, die Stoiber selbst nicht nennt. Die Frage stellt sich aber dann, ob „vernünftige Stimme sein wollen“ nur eine Möchtegern-Politik, frommes Wunschdenken ist, oder – obwohl weder Deutschland noch Europa die Möglichkeiten haben, Russland aus den Armen Chinas (eine blöde Sichtweise) loszueisen – Deutschland doch eine Macht hat, etwas Vernünftiges zu erreichen.

Nun, es ist mir klar, dass manche, vielleicht sogar sehr viele, solcher Überlegungen nicht ernst nehmen werden, einfach weil die deutsche Politik, nach innen und außen, so schwer angekratzt ist, so sehr an Vertrauenswürdigkeit und Glaubwürdigkeit verloren hat, dass sie einen Stoiber nicht zuhören wollen weil es, sich in ihren Augen, einfach nicht lohnt. Oder vielleicht kennt man Stoiber nicht, weiß nicht, dass er eine Schlüsselfigur in der Deutsch-Russischen Zusammenarbeit ist. Mindestens so wichtig wie Gerhard Schröder (5-7).

Nochmal zu Stoibers Punkt: Defender 2020 sei nicht „konfliktträchtig“. Um den Begriff zu entziffern, müsste man ihn mit den folgenden Punkten in Zusammenhang bringen:

Nehmen wir den Begriff als eine Feststellung, müssen wir uns die „Vertrauensfrage“ stellen, das heißt, vertraue ich Stoiber oder nicht. Wenn nicht, muss ich dann abwarten: Was werde ich selbst feststellen im Laufe der Übung? Dass der Himmel einstürzt? Werde ich feststellen, dass ich durch die vorauseilende Berichterstattung in Angst und Entsetzen versetzt wurde? Werde ich Stoiber später vertrauen? Oder möchte ich gern, dass ich eines Tages aufwache und höre, dass das hyperteure NATO-Gebäude in Brüssel in ein Tierschutzheim verwandelt wurde?

Wer aber sich dem Schmerz ausgesetzt hat, Adam Schiff im US Senat bezüglich Ukraine und Krim anzuhören (8), weiß auch, dass, wenn solch eine NATO-Übung aus dem Ruder läuft und zum Krieg wird, es ein Krieg der US-Demokraten sein wird.


Anmerkungen und Quellen

(Allgemein) Die Veröffentlichung des Textes erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Autors (Pseudonym GeorgeG), die redaktionelle Bearbeitung – einschließlich Hinzufügung von Anmerkungen und Quellen – durch Peds Ansichten.

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(a1) PR = Public Relations, zu deutsch Öffentlichkeitsarbeit; früher auch als das benannt, was es ist: Propaganda

(a2) REFORGER steht für „Return of Forces to Germany“ (zu deutsch: Rückkehr von Streitkräften nach Deutschland). Unter diesem Namen wurden von 1969 bis 1993 insgesamt 25 Großübungen der NATO mit bis zu 120.000 Soldaten abgehalten (9-12).

(a3) Dort wo westliche Militärs einen Staat geschwächt und isoliert haben und gleichzeitig die totale militärische Überlegenheit besitzen, machen sie ihren – zu dem erst durch sie selbst erhobenen – Gegner, einfach platt. Das ist in Libyen geschehen.

(1) http://www.fulda-gap.de/; abgerufen: 24.01.2020

(2) 10.04.2019; https://www.nato.int/cps/en/natolive/official_texts_17120.htm

(3) http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Voelkerrecht/buendnisfall.html; abgerufen: 24.01.2020

(4) 19.01.2020; Ljudmilla Kotljarowa; https://de.sputniknews.com/interviews/20200119326347530-stoiber-nato-interview/

(5) 09.11.2018; https://russische-botschaft.ru/de/2018/11/09/zum-11-deutsch-russischen-rohrstoff-forum/

(6) 29.11.2017; https://www.presseportal.de/pm/38708/3802042

(7) 21.03.2017; https://de.rbth.com/deutschland_und_russland/politik_und_wirtschaft/2017/03/21/stoibers-neue-tone-russland-ist-teil-der-losung_724256

(8) 21.11.2019; https://deutsch.rt.com/international/94906-droht-trumpjaeger-adam-schiff-ukraine/

(9) 11.02.2015; http://waldbesetzung.blogsport.de/2015/02/11/vor-30-jahren-stoermanoever-im-fulda-gap/

(10) 1984; https://asb.nadir.org/digitale_medien/9287/nato-herbst-manoever-1984.pdf

(11) 1988; https://m136.de/portfolio-items/reforger-88/

(12) https://de.wikipedia.org/wiki/Return_of_Forces_to_Germany; abgerufen: 24.01.2020

(Titelbild) US-Militärtechnik im Rahmen von Host Nation Support der Bundeswehr; Autor: Alyssa Bier (Bundeswehr); 14.01.2020; https://www.bundeswehr.de/de/organisation/streitkraeftebasis/aktuelles/defender-die-drehscheibe-nimmt-fahrt-auf-170054

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