In den Fängen der Strippenzieher

Am 9.November 2016 wurde in den Vereinigten Staaten von Amerika ein neuer Präsident gewählt. Die Art und Weise wie der zuvor statt gefundene Wahlkampf von den westlichen Medien begleitet wurde, wie auch die Reaktion auf den Entscheid der Wahlmänner, wirft ein entwaffnendes Licht auf die sogenannte vierte Gewalt im Banne der fünften Gewalt. Selten wurde die Verquickung von Macht und Medien so offenbar, wie als ein Kandidat wider die etablierten Eliten zum Präsidenten gewählt wurde.


Es ist ein sich ewig wiederholendes Ritual, dass alle vier Jahre in den USA geboten wird. Die zwei großen Parteien der USA, die Republikanische – und die Demokratische Partei ermitteln ihren Kandidaten für das Präsidentenamt und die Wahlmänner der US-amerikanischen Bundesstaaten entscheiden sich für Einen von Beiden. Wer die meisten Stimmen (der Wahlmänner) holt, wird als neuer Präsident im Januar des Folgejahres vereidigt. Zuvor tingelten die Kandidaten wochenlang durch das Land, um ihr Programm vorzustellen und so auf Stimmenfang zu gehen.

Sponsoring versus Demokratie

Um diesen bei jeder Wahl an Gigantismus anwachsenden propagandistischen Aufwand schultern zu können, buhlen die Parteien und Kandidaten um Spenden. Je höher die Summen, desto höher die Präsenz in den Medien und die entsprechende Meinungsbildung beim Wahlvolk.

Die Sponsoren finanzieren ihre Favoriten aus sehr simplen Motiven heraus. Sie versprechen sich Vorteile für sich selbst bzw. die hinter ihnen stehenden Netzwerke. Idealerweise kommt ihr Kandidat sogar aus den eigenen Netzwerken. In einem auf finanziellen Erfolg getrimmten System ist es natürlich von größter Wichtigkeit, Zugang zu den Finanzquellen zu erhalten. Der Staat als größter Schuldner des Landes ist dies ja nur deshalb, weil er auch der größte Auftraggeber und Lohnzahler ist. Privatwirtschaftlich geführte Unternehmen sind vorrangig daran interessiert, den Staat als Melkkuh, als zuverlässigen Auftraggeber zu aquirieren.

Hierfür müssen entsprechend demokratisch gewählte Vertreter in ihren Machtpositionen die gewünschten Entscheidungen treffen. Das geht über die Innenpolitik hinaus, denn durch außenpolitische Entscheidungen, bis hin zum Krieg, lassen sich ebenfalls Aufträge für die Förderer der in Macht gehievten Politiker generieren.

Hinter den Gönnern lassen sich auch die Gewinner der an den Grenzen seines selbst auferlegten Wirtschaftswachstums angelangten kapitalistischen Sytems erkennen. Es sind die Hedgefonds und Investmentgesellschaften sowie die mit ihnen verbundenen Kreditbanken; teilweise verschmolzen in einem unüberschaubaren Casino-System.

Dieser wirtschaftliche Aspekt des US-Wahlkampfes konterkariert natürlich das, was sich Bürger eines demokratischen Landes unter einer demokratischen Wahl vorstellen. Das wissen die Nutznießer des Systems auch und deshalb muss eine Geschichte neben der wirklichen Geschichte gestrickt werden. Das nennt man Propaganda und sie dient also dazu, das Wesen hinter der mit pathetischen Worten gepriesenen Demokratie zu verbergen.

Halten wir kurz inne.

Das ist tatsächlich der Kern unter der Hülle einer – Jahrhunderte lang entwickelten und als bislang fortschrittlichsten Projekts menschlicher Gesellschaften bezeichneten – Demokratie? Und wenn ja, war sie das schon immer? Oder wurde ihr fortschrittlicher Gedanke ursupiert? Ist Demokratie möglicherweise nur eine propagandistische Floskel, um dem Raubtier-Kapitalismus ein menschliches Antlitz zu geben?

Immer wieder Avaaz

Der Blog nocheinparteibuch hat vor einiger Zeit die Sponsoren der Kandidaten für die US-Präsidentenwahl des Jahres 2016 unter die Lupe genommen. Schauen Sie einfach mal dort rein. Als größter Finanzier der Hillary Clinton erscheint die Soros Foundation. Ein Kind der Soros Foundation, Leser meines Blogs wissen das bereits, ist die Kampagnen-Plattform Avaaz. Diese rühmt sich ihres selbstlosen Kampfes für demokratische Werte. Aber schauen Sie mal, was Avaaz nach Trumps Wahlsieg für eine Kampagne startete:

„Liebe Freundinnen und Freunde,

das Unvorstellbare ist passiert. Präsident Trump.

Und schlimmer noch: Jedes Dorf hat seine Donald Trumps, die unsere Demokratien bedrohen.

Das Wichtigste in diesem Moment ist, dass wir eine weltweite Bewegung aufbauen, um sie zu stoppen. Über zwei Millionen von uns haben den offenen Brief von der Welt an Donald Trump unterzeichnet und er ist in vielen wichtigen Medienberichten erwähnt worden.“ [1]

Erkennen Sie sofort die Verlogenheit? Diese Frage ist keine Rethorische, ich denke, ein Großteil der Bevölkerung erkennt die Verlogenheit eben nicht.

Fünf Textstellen habe ich hervor gehoben. Fünf Textstellen, die aggressiv auf Ihr Unterbewusstes zielen, Emotionen bei Ihnen wecken und den reflektierenden Verstand aus hebeln sollen.

„Das Unvorstellbare ist passiert“.

Was Sie verinnerlichen sollen:

Das Schlimmste für Sie, für alle, es ist eingetreten. Die Demokratie, mehr noch, SIE sind gefährdet. Der Dämon hat sich an die Macht geschlichen. Wir müssen jetzt alle große Angst haben. SIE sollen Angst haben. Stellen SIE sich auf Kampf ein, um der Gefahr entschlossen und ohne Zweifel entgegen zu treten.

Was aber ist denn das Unvorstellbare? Es handelt sich um das Ergebnis einer demokratischen Wahl nach US-Gustus, wie sie seit fast einem viertel Jahrtausend stattfinden. Einer der Kandidaten hat die Mehrheit der Stimmen der Wahlmänner erhalten, das nach geltendem US-amerikanischen Recht, und genau dafür, um dem Land als Präsident vor zu stehen.

Wer meint, dieses demokratische Prozedere durch eine (sehr, sehr mild ausgedrückt) außerparlamentarische Kampagne elitärer Strippenzieher negieren zu können, ist undemokratisch. Und genau das macht Avaaz, aber was bedeutet das?

Bereits im ersten Satz zu ihrer Kampagne hat Avaaz offenbart, wie zutiefst undemokratisch sie sind. Sie sind ein Feind demokratischer Regeln. Ergebnisse demokratischer Prozeduren erkennen sie nicht an, wenn es nicht ihren ureigenen privaten Interessen entspricht.


„Jedes Dorf hat seine Donald Trumps, die uns bedrohen.“

Was Sie verstehen sollen:

Seien Sie vorsichtig. Böse Menschen wie Donald Trump lauern überall, auch in Ihrem Umfeld. Denken Sie daran, dass Sie zu den Guten gehören und geben Sie sich nicht mit Leuten ab, die versuchen ein differenziertes Bild von Trump zu zeichnen. Denken Sie daran, er ist Ihr Feind.

Die Gleichen, die gerade formuliert haben, dass ihnen demokratische Prozesse völlig egal sind, wenn die Ergebnisse nicht ihren Interessen entsprechen, werfen Demokratie-Feindlichkeit einem Donald Trump vor – aber nicht nur ihm! Sie betreiben eine Ausgrenzungs-Kampagne, sie sorgen für einen diffamierenden Umgang mit Andersdenkenden, sie zünden den Hassfaktor und sie disziplinieren Menschen, ja auf der „richtigen Seite“ zu stehen.

Avaaz hat also in zwei Sätzen die Demokratie mit Füßen getreten und die Menschen zu Diffamierung, Ausgrenzung und Hass aufgerufen.


„den offenen Brief von der Welt an Donald Trump“

Was Sie glauben sollen:

Die ganze Welt steht gegen den bösen Donald Trump. Schließen Sie sich nicht aus. Seien auch Sie Teil der guten Welt.

2016-11-18_avaaz_versus_trumpHaben Sie die Lüge erkannt? Wir nehmen Dinge oft als gegeben hin, so als ob es eherne Naturgesetze wären. Natürlich ist gerade NICHT die ganze Welt gegen Donald Trump. Das ist auch der Grund, warum Avaaz solch eine Kampagne startete. Denn die Strippenzieher um Soros und Co. wollen eben, dass Sie hassen. Sie wollen den geistigen Krieg in IHNEN gegen Trump entfachen, weil, wenn das gelingt, auch spätere politische Spielchen, die zutiefst undemokratisch sind, von ihnen akzeptiert werden.

Avaaz ist also undemokratisch, ruft zu Ausgrenzung und Hass auf und lügt Sie außerdem an!


„um sie zu stoppen“

Was Sie bedingungslos hinnehmen sollen:

Wir müssen sie stoppen. Irgendwie, aber es muss gelingen. Wir müssen, wir sind dazu moralisch verpflichtet.

Fällt Ihnen etwas auf? Trump wird nicht direkt genannt, so weit geht man dann doch nicht. Dafür ist es irgend Jemand, wer auch immer. Wir nennen sie nicht, aber sie sind gefährlich und sie sind unter uns. Im faschistischen Deutschland gab es diese Plakate: „Feind hört mit!“. Sie werden aufgefordert, zu denunzieren! Worin jetzt speziell die Gefahr liegt, müssen Sie nicht wissen, ein dumpfes Angstgefühl in Ihnen genügt. Aber seien SIE bereit, jene Irgendwelchen zu stoppen. SIE erhalten zum gegebenen Zeitpunkt Anweisungen von uns. Sie müssen jetzt nicht groß nachdenken, wir arbeiten schon daran.

Der demokratische Prinzipien tretende und Hass erfüllte wie verlogene Aufruf bringt IHNEN auch noch Verachtung entgegen, denn er mutiert Ihre Rolle als Mensch zu der eines ausführenden Zombies.


„und er ist in vielen wichtigen Medienberichten erwähnt worden“

Was Sie nicht hinterfragen sollen:

Alle sagen es, deshalb ist es richtig und gut.

Was sind wichtige Medienberichte? Wer entscheidet, was wichtig ist? WELCHE Medien sind es denn, die es erwähnten? Ihnen wurde ein Argument unter geschoben, das keines ist. Ein geradezu alberner propagandistischer Trick, aber inhaltlich nichts sagend. Sie werden an dieser Stelle zusätzlich noch für dumm verkauft. Tja, so werden SIE von den Avaaz-Aktivisten wahr genommen.

Und (so Sie auf diese Petition stießen), haben Sie unterschrieben?

Was mir dabei wichtig ist: Haben Sie erkannt, dass es mir weder um die Politik Hillary Clintons noch um die Donald Trumps ging? Es ging einzig darum aufzuzeigen, dass die Avaaz-Kampagne eine niederträchtige propagandistische Hetze ist, zu der SIE ausdrücklich eingeladen wurden.

Netzwerke und Medien

Die Netzwerke welche ihre Kandidaten lancieren, finanzieren nicht nur deren mediale Präsenz, oft gehören ihnen sogar die Medien selbst oder sie besitzen großen Einfluss auf selbige. Letztlich gibt es in den USA keine unabhängigen Medien, denn alle sind als Privatunternehmen ihren Aktionären oder Besitzern verpflichtet. Und in Deutschland?

Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein derartiges Bashing von Medien und Politikern gegenüber dem Präsidentenschafts-Kandidaten einer der beiden großen US-Parteien erlebt zu haben. Und was das Ganze noch verschärft: Dieses Bashing wurde auch von den Medien in West- und Mitteleuropa durchgezogen. Hetze gegen unliebsame politische Repräsentanten unliebsamer gesellschaftlicher Systeme oder auch Gruppen war in den vergangenen Jahren ja zum Alltag in den Massenmedien geworden. Was die USA betraf, war es jedoch ein Tabu. Deren Politik wurde eins zu eins vertreten und Abweichungen umgehend als Anti-Amerikanismus verunglimpft.

Nicht mehr im Jahre 2016.

Das Weitertragen der US-Politik lässt sich mit den diversen transatlantischen Netzwerken erklären, welche politisch Handelnde in Europa eng an das Establishment der USA binden. Das sind solche wie:

Nehmen Sie sich ruhig mal Zeit und recherchieren, wer diese Institutionen finanziert, mit welchen Konzernen, Banken, Investmentgesellschaften und Denkfabriken bis hin zu Bildungseinrichtungen sie verbunden sind und welch große Schar von Journalisten sich dort ein Stelldichein gibt.

Aber irgend etwas passt hier nicht.

Unter transatlantischen Netzwerken stellen wir uns gern eine homogene Struktur europäischer Medien, Politik und Konzerne mit den Eliten der USA vor. Dabei verfallen wir oft dem vereinfachenden Gedanken, dass es sich um eine Gruppe gleich Gesinnter handelt, die als verschworene Gemeinschaft den amerikanischen Traum auf der ganzen Welt verbreiten will (was auch immer sie darunter verstehen mögen).

Das aber ist eher nicht der Fall und das zeigt die Reaktion der Medien. Sie und auch die Politik sind ganz offensichtlich mit einer ganz bestimmten Elite der USA verbunden. Und ganz offensichtlich waren alle US-Präsidenten der vergangenen Jahrzehnte Präsidenten genau jener Elite und die Netzwerke behandelten „ihre“ Präsidenten entsprechend wohl wollend; mochte ihre Politik, gerade nach außen, noch so verheerend gewesen sein.

Im Umkehrschluss haben die großen Medien zwar den Zugang zu den beherrschenden Eliten in den USA (die einen gewissen Filz mit europäischen Machtkartellen bilden) exklusiv. Sie sind behütet und umsorgt, aber auch ideologisch vollständig vereinnahmt. Und damit fehlt ihnen der Zugang zu anderen Interessengruppen; in den USA wie in Europa. Sie haben sich durch ihre einseitige Fokussierung in eine geistige, ideologische Isolation gebracht.

Gerade dass Trump so von den Medien bearbeitet wird, zeigt doch, wie abhängig die Massenmedien von bestimmten Seilschaften sind. Das Feindbild Trump ist Ergebnis der Meinungsbildung durch die ideologischen Netzwerke. Die etablierten Meinungsverbreiter hier in Deutschland können sich eine Zuwendung zu allen anderen politisch-ideologischen Richtungen außer der, aus deren Töpfen sie genährt werden, nicht vorstellen.

Nicht nur der König ist nackt

In einem hoch interessanten Beitrag hat der Blogger Analitik Im Oktober 2016 thematisiert, dass wir endgültig in eine multipolare Welt eingetreten sind. Und er wies, angesichts der Reaktionen aus den Spitzen der US-Politik darauf hin: „Der König ist nackt!“ Wer die seit Ende September 2016 verkündeten Statements von US-Regierungspolitikern (in den ungeschnittenen Originalen!) verfolgt, könnte dem zustimmen. Denn dort ist viel von Mäßigung und Deeskalation als Forderung an die eigene Politik die Rede.

Die in der Falle der eigenen Spin-Doktoren gefangenen großen Medien dagegen taten so, als ob es diese umwälzenden Veränderungen schlicht nicht gäbe. Sie vermittelten unverdrossen das Bild (US-)amerikanischer Stärke und tönten jede Kritik, gerade an der verheerenden US-Außenpolitik mit Bekenntnissen zur (US-)amerikanischen Solidarität hinweg.

Die großen Medienlautsprecher sprachen immer fort vom Anti-Amerikanismus, wenn es darum ging, Kritik oder gar nur abweichende Meinungen weg zu bügeln. Was nicht erkennbar wurde, war die Tatsache, dass diese Meinungsverbreiter selbst zutiefst anti-amerikanisch waren. Bewusst war jenen das nicht und ist es auch heute nicht. Aber mit der fern gesteuerten Medien-Kampagne gegen Donald Trump wurde es offensichtlich:

Auch die selbst ernannten Leitmedien sind nackt!

Ihre Hetze gegen Trump und ihre Ausfälle gegen die US-amerikanischen Wähler, ihre Verletzung von Regeln des Anstands und der Achtung Andersdenkender verriet allen Menschen, dass es keine (US-)amerikanischen Werte sind, welche diese Medien vertreten, sondern ganz einfach Interessen von Eliten. Der ganze Sprachwust von freiheitlich-demokratischen Werten wurde als verlogene Kaschierung dieser Interessen geleiteten Berichterstattung für den aufmerksamen Beobachter nun besser sichtbar.

Im Sinne ihrer Auftraggeber und gefangen in der eigenen Indoktrination wird den Menschen jedoch weiterhin eine (Wunsch-)Welt vorgetäuscht, die ganz und gar nicht der Realität entspricht. Wie das umgesetzt wird, unterscheidet sich praktisch in Nichts von dem, was Kampagnen-Plattformen wie Avaaz (s.o.) veranstalten. 

Ein Beispiel von Möchtegern-Journalismus

Schauen Sie mal, wie eine der größten Gazetten Deutschlands, die Süddeutsche Zeitung jeden Anstand, jeden Abstand, jeden Journalismus, jede Abwägung in der Wertung vermissen lässt. Einfach nur um sich dem Hass gegen ein neues Feindbild (trainiert an vielen vorherigen Feindbildern) hin zu geben:

„Ein Narzisst, ein notorischer Lügner, ein Sexist, ein Rassist, ein Chauvinist, ein Populist, ein Demagoge – vielfach belegt in diesem anderthalbjährigen Wahlkampf, so drastisch es auch klingen mag – ist nun das, was man gemeinhin mächtigster Mann der Welt nennt. Die Vorstellungskraft auch vieler Politiker reicht noch nicht aus, um die Folgen dieser Wahl abzuschätzen. Dass er die USA in gewaltige Probleme stürzen wird, ist jedenfalls keine sonderlich gewagte Vorhersage.“ [2]

Solch freimütigen wie unqualifizierten und beleidigenden Äußerungen gegenüber der jahrelang Kriegs treibenden Hillary Clinton hätte Herrn Gierke eventuell den Job gekostet – übrigens völlig zu Recht. Warum nicht hier?

„Wird er wirklich die Mauer zu Mexiko bauen? Wird er Muslime nicht mehr einreisen lassen? Wird er Millionen illegale Einwanderer abschieben? Wird er die USA aus der Nato herausführen? Wird er die USA wirtschaftlich und politisch isolieren?“ [2]

Achten Sie auf die Gefühle, die Sie empfinden, wenn Sie das lesen. Aber achten Sie auch mal darauf, was Gierke nun folgen lässt:

„Die Welt muss sich vor den USA mit einem solchen Präsidenten durchaus fürchten, doch diesmal löst nicht Amerikas Übermacht die Furcht aus, sondern die brutale Schwäche des Landes, verkörpert durch den oft geradezu pubertär-aggressiven Präsidenten. Trump ist die Verkörperung eines kranken Systems. Ein System, das zu lange zu viele Verlierer produziert hat.“ [2]

Oh je, da hat sich der Propagandist verquatscht. Ist es Ihnen auch aufgefallen?

Von welchem „kranken System“ redet da der SZ-Redakteur? Und er legt noch nach und meint, dass dieses System „zu lange zu viele Verlierer produziert hat“. Ich finde das lustig; diese ungewollten Offenbarungen. Weil die natürlich beim aufmerksamen Leser Fragen produzieren. Zum Beispiel was das für eine „Krankheit“ ist, von der das System befallen ist. Denn zweifellos ist es krank und genau deshalb wurde auch Hillary Clinton, als eine Gallionsfigur für die Krankheit des Systems nicht gewählt.

Aber genau da liegt das Problem. Selbstkritik ist nicht das Ding der an den neokonservativen Eliten der USA klebenden Leitmedien Deutschlands. Hier wäre sie dringend angebracht, um auch mal die Rolle über die eigene dienernde, positiv einseitig wie selektive Berichterstattung im Kontext der führenden Weltmacht zu hinterfragen.

Wir selbst im Banne der Strippenzieher

Und wir? Gebannt schauen wir nach Nordamerika; hoffend, bangend, welche Politik dort wohl in den kommenden Jahren verfolgt werden wird. Wir haben schon wieder Platz genommen in einem neuen Reality-Streifen. Wir tun so, als ob wir nur das wertende, mehr oder weniger wissende Publikum sind. Wie eben im Colosseum von Rom vor zwei Jahrtausenden beschränkt man uns, nein, beschränken wir selbst uns darauf, über andere Menschen zu urteilen, zu richten, um uns dann selbstgefällig wieder zurück zu lehnen.

Dabei unterscheidet sich der Staat Bundesrepublik Deutschland von den USA prinzipiell überhaupt nicht in seinem wirtschaftlich erpresserischen Gebaren; sowohl im eigenen Land als auch gegenüber anderen Staaten. Deutschlands politischer Vormachtsanspruch, seine Arroganz ethisch-moralisch über anderen Gesellschaften zu stehen, ist kein bisschen kleiner, als der der USA. Das wirtschaftlich-politisch-militärische Auftreten Deutschlands geht weit über die einer Vasallenrolle hinaus, die manche ausschließlich zu sehen bereit sind.

Dieses Verhalten des Staates wird von uns allenfalls als Zuschauer bewertet. Und bei all dem geht Eines unter: Unsere tatsächliche eigene Rolle in diesem Schauspiel. Unsere Rolle, die sich darauf bezieht, auf wessen Kosten wir leben, wie wir Verantwortung übernehmen, in wie weit wir uns zum reinen Konsumenten von Politik machen. 

Wir werten im Glauben zu wissen; ein sehr bequemer Glaube, der das (vermeintliche) Wissen nicht hinterfragt. Wir wissen nicht, wie unser Geldsystem funktioniert, wir verstehen nicht, was das für Auswirkungen auf unser Wirtschaftssystem hat. Wir glauben an die Paradigmen von Wirtschaftwachstum und Vollbeschäftigung.

Wir fragen nicht, warum unsere Armee wirklich im Ausland agiert, wir konsumieren ohne Empathie. Wir sehen nicht, wie unser eigener Staat mit Freihandelsabkommen andere Staaten knebelt, damit wir weiter den „Preisvorteil“ beim Discounter nutzen können.

Wir legen unser Geld an, für unseren Lebensabend, für unsere Kinder – und sind uns nicht bewusst, dass diese Zinserträge anderen Menschen durch Ausbeutung abgepresst werden. Für unsere Bequemlichkeit verzichten wir auf Freiheit und nehmen den Abbau der Faktoren von Freiheit hin. Gleichzeitig schimpfen wir auf die Politiker, die wir als Dienstleister betrachten, die für uns sorgen sollen. 

Dafür hecheln wir den heuchelnden Phrasen von der Durchsetzung einer besseren Welt anderswo hinterher, nehmen ohne Reflexion so ziemlich jedes angebotene Feindbild auf und sind immer ganz schnell dabei, wenn es darum geht, anderen für ihr Elend selbst die Schuld zu geben, damit wir uns selbst auch weiterhin vor Verantwortung drücken können. Wir verurteilen den Terror und bedingen ihn doch mittelbar selbst.

Wir schauen auf die Anderen, eben nicht auf uns. Wir haben verlernt, für andere Meinungen offen zu sein. Wir sind im Kampf und führen so Tag für Tag unsere kleinen Kriege. Wir warten offensichtlich noch immer auf das große Wunder. Dabei kann das nur dann geschehen, wenn wir selbst endlich beginnen, jeder für sich, sein kleines Wunder in Angriff zu nehmen.

Trump oder nicht Trump, das ist nicht die ultimative Frage. Die Frage, um die es sich dreht, ist die, ob wir hier in unserem Land, so weiter machen wollen wie bisher oder ob es uns gelingt, als Gesellschaft den Schalter um zu legen in Richtung einer nach innen wie außen wahrhaftig friedlichen Gesellschaft.


Quellen

[1] aus per E-Mail versendeter Avaaz-Kampagne gegen Donald Trump

[2] Sieg des Enthemmten; Sebastian Gierke; 9.11.2016; http://www.sueddeutsche.de/politik/praesident-trump-sieg-des-enthemmten-1.3237898

[b1] 18.11.2016; Screenshot aus Avaaz-Kampagnen-Mail gegen Donald Trump; Datei: 2016-11-18_Avaaz_versus_Trump.png; Autor: Peds Ansichten; Lizenz: Public Domain

[Titelbild] Name: View of the North Portico and North Lawn of the White House, residence of the President of the United States; Autor: Ed Brown (2005); Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:White_House_North_side?uselang=de#/media/File:White_House.jpg; Lizenz: Gemeinfrei; Bildausschnitt erstellt durch Peds Ansichten